Beckenschlinge… Freund oder Feind?

Beckenschlinge… Freund oder Feind?

Beckenschlinge…Freund und Falle. So wurde in einem Artikel auf DocCheck tituliert. Hintergrund des Ganzen ist ein Case Report von S. Jamme et al [1] welcher einen Patienten nach Hochrasanztrauma bei Unfall Motorrad und Schmerzen im Becken beschreibt. Ein Vorgehen gemäß den derzeit gültigen Leitlinien hatte dem Patienten eine Beckenschlinge eingebracht.

Alles in allem eigentlich nichts Ungewöhnliches; sieht man einmal davon ab, dass die Beckenschlinge derart gut angelegt war dass zwei massive Verletzungen im Beckenbereich im CT nicht erkennbar waren. Erst eine zu einem späteren Zeitpunkt angefertigte Röntgenaufnahme brachte das Ausmaß der Verletzung zu Tage. Belegt wird dies durch eindrucksvolle Bilder in diesem Artikel welcher als „open access paper“ zur Verfügung steht.

Auf die Problematik der Gefahr eines Übersehens solcher Verletzungen bei angelegter Beckenschlinge wird bereits in der aktuellen S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung [2] hingewiesen:

„So kann beispielsweise bei korrekt angelegtem Beckengurt eine Becken-B1-Verletzung (rein ligamentäre Open-Book-Verletzung) so „kaschiert“ werden, dass sie in der CT-Diagnostik nicht erkannt wird. Eine Arbeitsgruppe der Sektion Notfall- Intensivmedizin und Schwer- verletztenversorgung der DGU (NIS) erarbeitet derzeit einen „Clear the Pelvis“-Algorithmus mit konventionellem Röntgen/dynamischer Untersuchung unter BV bei dafür geöffnetem Pelvic- Binder (vor oder nach dem CT) um dieser Problematik gerecht zu werden.“

Trotz dieser Problematik wird jedoch auch eindrucksvoll gezeigt, welch stabilisierenden und damit evtl. auch einer weiteren Einblutung entgegenwirkenden Einfluss die korrekte Anlage einer Beckenschlinge haben kann.

Die korrekte Anlage bezieht sich in erster Linie auf die richtige anatomische Örtlichkeit. Die Beckenschlinge muss beidseitig über den Trochanter Major laufen. Eine, wie leider oftmals zu sehende, zu hohe Anlage über den Beckenschaufeln führt genau zum Gegenteil des eigentlich bezweckten!

Trotz dessen dass eine manuelle Untersuchung des Beckens auf Instabilität aus Gründen der mangelnden Sensitivität [3; 4] an der Einsatzstelle unterlassen werden sollte und die Entscheidung eher auf Grund des Unfallmechanismus, sowie bei ansprechbaren Patienten, der Schmerzäußerungen fallen sollte, ist eine gewissenhafte Sondierung notwendig.

Auch eine Beckenschlinge kann neben den Folgen einer Falschanlage auch andere Schäden wie beispielsweise zusätzlichen Schmerz bei Schenkelhalsfraktur oder Druckulzera verursachen.

In meinen Augen stellt die Beckenschlinge eher den Freund als die Falle oder gar den Feind dar. Wie oben schon erwähnt sollte sie jedoch mit Bedacht und bei gegebener Indikation eingesetzt werden und nicht durch ein „jeder Traumapatient bekommt eine Beckenschlinge“ zur neuen Stiff-Neck mutieren.

(Titelbild aus [1] unter Creative Commons Attribution 4.0 International License)


[1] Jamme S, Poletti A, Gamulin A, et al. False negative computed tomography scan due to pelvic binder in a patient with pelvic disruption: a case report and review of the literature. J Med Case Rep. 2018;12(1):271. doi:10.1186/s13256-018-1808-7.

[2] AWMF S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung

[3] Shlamovitz GZ, Mower WR, Bergman J, Chuang KR, Crisp J, Hardy D, Sargent M, Shroff SD, Snyder E, Morgan MT (2009) How (un)useful is the pelvic ring stability examination in diagnosing mechanically unstable pelvic fractures in blunt trauma patients? The Journal of Trauma 66: 815-820

[4] Pehle B, Nast-Kolb D, Oberbeck R, Waydhas C, Ruchholtz S (2003) Signi cance of physical examination and radiography of the pelvis during treatment in the shock emergency room. Unfallchirurg 106: 642-648

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