Erfahrungen aus Seattle / King County

Erfahrungen aus Seattle / King County

Die ruhige Zeit über die Feiertage verleitet vielleicht, bei aller Informationsflut durch die sozialen Medien, sich auch einmal einen etwas längeren Artikel zu Gemüte zu führen. Es freut mich besonders euch heute einen Erfahrungsbericht eines Kollegen anbieten zu können welcher sich im Rettungsdienstbereich Seattle / King County umsehen konnte.

Vielen Dank für diesen Gastbeitrag….!SKK30

Über den Autor: Nick Rauschenberger ist ein in Augsburg wohnhafter Notfallsanitäter, der Rettungsdienst wurde ihm quasi im die Wiege gelegt. Nach Ausbildung und Arbeit bei zwei Hilfsorganisationen arbeitet er für einen bekannten Personaldienstleister und macht  Dienste im gesamten deutschsprachigen Raum, vor allem in Süddeutschland. Für Fragen und Anmerkungen steht er gerne via rauschenberger.nick@googlemail.com bereit.

Erfahrungsbericht meiner Zeit im Rettungsdienst von Seattle / King County:

Es ist anzunehmen, dass viele Kollegen an irgendeiner Stelle ihrer Karriere einmal etwas vom Rettungsdienst des US-amerikanischen Landkreises King County gehört haben. Das dortige, für hohe CPR Erfolgsquoten bekannte System war bereits Gegenstand diverser Artikel in der gängigen Fachpresse. Weiter gibt es in Internetforen zum Teil seitenlange Diskussionen über die dortigen Paramedics und ihre Arbeit. Die Frage nach der Effizienz einer prähospitalen Notfallmedizin ohne Beteiligung von Notärzten ist wohl so alt wie der deutsche Rettungsdienst selber und hat durch den Notfallsanitäter mit Sicherheit nochmal Aufschwung gewonnen. Derartige Grundsatzdiskussionen sollen jedoch nicht Gegenstand dieses Berichtes sein. Vielmehr möchte ich einen, natürlich auch subjektiv geprägten, Einblick in meine Erfahrungen dort geben.

Ein paar Worte zu meiner Motivation – ich bin selbst als Notfallsanitäter tätig und sehr an Rettungsdienstsystemen interessiert. Leider gibt es hierzu keine wirkliche Übersichtsliteratur. Man hört sehr oft recht hitzige Diskussionen über die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Organisationsformen. Daher habe ich beschlossen, im Rahmen der nächsten 2 Jahren an einem Sachbuch über interessante Rettungsdienste zu arbeiten. Hierzu plane ich weitere Aufenthalte in Australien, Südafrika sowie diversen europäischen und asiatischen Ländern. Den Anfangspunkt habe ich jetzt eben mit 2 Wochen (beziehungsweise knapp 100 Einsatzstunden) in King County gesetzt. Ich habe mir damit auch gleich einen schon länger bestehenden Traum erfüllt.

Zunächst werde ich etwas über die allgemeine Organisationsform und die Ausbildung erzählen, danach werde ich die tägliche Arbeit näher beleuchten.

Übersicht:
Seattle ist eine Stadt mit 725.000 EinwSKK26ohnern, der umgebende Landkreis King County misst 2,189 Millionen potentielle Patienten. Die Notfallrettung wird durch vier Feuerwehren sowie das Gesundheitsamt von South King County sichergestellt. Es gibt prinzipiell zwei ineinander greifende Systeme: Medic One, also die Notfallrettung, und Medic Two, womit die Erste Hilfe durch Bürger bezeichnet wird. Es gibt sehr hohe Quoten in Sachen Erste Hilfe und Laienreanimation, sicher ist auch das ein elementarer Bestandteil des Systemerfolges. Sogar eigene Kurse zur Blutungskontrolle werden für interessierte Bürger angeboten.

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Die Notfallrettung hier ist prinzipiell ein „zweigleisiges System“. Circa 70 Prozent der Notfalleinsätze werden von EMTs (also Rettungshelfern) der Feuerwehren und privater Krankentransportunternehmen abgearbeitet. Die Paramedics mit den sogenannten „Medic Units“ kommen in nur 20-30 Prozent der Fälle zum Einsatz. Klassische Indikationen sind schwere Atemnot, Thoraxschmerz mit Risikoprofil oder Penetrationstraumata des Körperstamms. Die Indikationsschwelle liegt insgesamt höher als in den meisten deutschen Notarztindikationskatalogen. Die Disposition der Rettungsmittel erscheint für deutsche Verhältnisse zunächst eher fremdartig, es wird zu BLS-Einsätzen ein RTW oder ein Löschfahrzeug der Feuerwehr geschickt, abhängig von der jeweiligen Feuerwehr

SKK10wird dann meist für den Transport zusätzlich ein KTW der Firmen AMR oder TriMed angefordert. Die Feuerwehr von Seattle beispielsweise transportiert mit ihren BLS-Rettungswagen („Aid Unit“) quasi nie selbst. Patienten mit ALS-Indikation bekommen das nächst verfügbare Feuerwehrfahrzeug sowie einen ALS-RTW (Medic Unit) geschickt. Zu
gemeldeten Reanimationen fahren in der Regel 2 Rettungswagen, ein Löschfahrzeug und ein „Medical Services Officer“, also der ELRD. Auch der Sheriff des Landkreises führt AED in allen Streifenwagen mit, die Deputys agieren beim kleinsten Zeitvorteil auch als First Responder. Ein leitender Polizeibeamter, welcher auch gleichzeitig EMTs ausbildet, berichtete mir von mindestens drei durch seine Deputys erfolgreich defibrillierten Patienten.

Um dieses Konzept zu verstehen, kann man sich exemplarisch die Rettungsmittelstruktur in Seattle ansehen. Es gibt 34 Feuerwachen mit einem HLF („Engine“), einer Drehleiter oder einem der sechs BLS-RTW, dieses engmaschige Netz garantiert Eintreffzeiten von 3-6 Minuten. Die EMTs können mit BLS-Maßnahmen sowie einzelnen invasiven Erstmaßnahmen somit die Zeit bis zum Eintreffen einer der sechs ALS- Einheiten überbrücken. Durch dieses System wird die Zahl der Paramedics im System absichtlich sehr niedrig gehalten. Die einzelnen Kollegen kommen so auf sehr viele Kontakte zu kritisch kranken oder verletzten Patienten, da man nur zu den „oberen 30%“ disponiert wird. Abbestellungen durch die EMTs sind Alltag und finden in bis zu weiteren 30% der Alarmierungen noch auf der Anfahrt statt. Man fährt mit zwei Paramedics in 24-Stunden-Diensten, die Einsatzauslastung variiert sehr stark von Standort zu Standort. In der Regel wird nach 12 Stunden getauscht, der Fahrer führt die Maßnahmen durch während der Beifahrer delegiert und dokumentiert.

Die Ausbildung:
Prinzipiell muss jeder Paramedic das Ausbildungsprogramm der University of Washington am Harborview Medical Center absolvieren. Um sich auf einen der begehrten Ausbildungsplätze bewerben zu können, muss man drei Jahre Erfahrung als EMT oder Paramedic haben sowie einen Eignungstest bestehen. Eine vorherige Ausbildung als Paramedic wird nicht anerkannt, um in King County tätig zu werden muss man also durch die Ausbildung an der Universität. Weiter werden teilweise College-Kurse in Anatomie und Biologie vorausgesetzt.

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Anschließend absolviert man eine sehr intensive Ausbildung von circa 11 Monaten Dauer. Es gibt von Tag zwei an Patientenkontakt. In der Regel findet vormittags qualitativ sehr hochwertiger Frontalunterricht statt; häufig wird durch Ober- und Chefärzte der Universitätsklinik unterrichtet. Es geht fast ausschließlich um Notfallmedizin und die unmittelbar damit verbundenen Themenfelder. Abends und nachts werden die Kenntnisse dann auf dem RTW und in der Klinik direkt in die Praxis umgesetzt. Die Studenten fahren jeweils in Zweierteams mit zwei Paramedics und werden vorsichtig, aber sehr bestimmt an ihre spätere Aufgaben herangeführt. Praktika werden überwiegend in Seattle durchgeführt; jedoch kommt der ÄLRD des jeweiligen Rettungsdienstes zur Bewertung des eigenen Nachwuchses vorbei. Eine Wochenarbeitszeit von bis zu 70 Stunden ist während dieser 11 Monate die Regel.

SKK4Es erfolgt bereits während der Ausbildung eine gute Bezahlung durch den Ausbildungsbetrieb, also einen der fünf ALS- Anbieter im Landkreis. Sämtliche anatomischen und physiologischen Grundkenntnisse werden als bestehend vorausgesetzt, man steigt recht hoch in die Themen ein. Ich nahm beispielsweise an Unterrichten über die Interpratation von Kapnographiekurven,
gehalten von einem pulmologisch spezialisierten Intensivmediziner teil. Das Niveau ist aus meiner Sicht heraus als vorbildlich zu bezeichnen. Es wird praxistaugliches, sicherlich fachärztliches Wissen an die Studenten weitergegeben. Weiter erfolgen dauerhafte und engmaschige Leistungskontrollen, unter anderem durch Evaluation von Realeinsätzen. Die Studenten kommen während den elf Monaten auf 700 bis 1100 Patientenkontakte. In der einsatzfreien Zeit arbeiten die Studenten in der Notaufnahme mit, weitere Praktika sind beispielsweise in der Schwerverbranntenstation oder in der Pathologie abzuleisten.

Auch nach der Ausbildung müssen sich die Paramedics fit halten. Pro Jahr müssen 50 Stunden Fortbildung geleistet werden, dazu gibt es unter anderem die sogenannte „Tuesday Series“, also ein breit aufgestelltes Fortbildungsprogramm am ersten Dienstag eines jeden Monats. Die von mir besuchte Veranstaltungen dieser Serie war sehr informativ und aufwendig vorbereitet. Es ging um Themen wie prähospitale Bluttransfusion und das akute Alkoholentzugssyndrom. Man schlüsselt das Design eigener Studien auf und setzt sich damit kritisch auseinander, auch die anschließenden Diskussionsbeiträge der Paramedics lassen auf einen beachtlichen fachlichen Hintergrund schließen.

Weiter muss jeder Paramedic pro Jahr 12 endotracheale Intubationen und 50 Venenzugänge nachweisen. Sollte ihm das im Rahmen seiner Tätigkeit nicht gelingen muss er dafür in den OP. Die Ausbildung der EMTs findet überwiegend am North Seattle College statt und ähnelt mit 200 Stunden dem deutschen Rettungshelfer. Den Kursteilnehmern werden jedoch am ausbildenden College auch einzelne invasive Maßnahmen gelehrt, im späteren Berufsleben dürfen die EMTs dann Epinephrin i.m, Aspirin und Glucose p.o sowie Naloxon i.n verabreichen. Ein großer Fokus wird auf die Identifikation von kritischen und eher unkritischen Patienten gelegt, die Freihaltung von
ALS-Einheiten durch zeitnahe Abbestellung ist erklärtes Lernziel.

SKK22Weiterer elementarerBestandteil ist das immer wiederkehrende Training von High-Performance-CPR, ähnlich wie im ERC-ALS- Kurs. Die allermeisten Reanimationen (ich habe an zwei Stück teilgenommen) laufen dann auch meist wirklich so ab, was sicher auch mit der stets vorhandenen Manpower und der „selben Sprache“ zusammen hängt.

Die tägliche Arbeit:
Ich durfte mehrere Dienste auf verschiedenen ALS- Einheiten von King County Medic One sowie den Feuerwehren von Seattle, Shoreline und Bellvue fahren. Weiter begleitete ich die EMTs der Feuerwehren von Federal Way, Bellvue und Shoreline bei Einsätzen der BLS-Kategorie. Insgesamt konnte ich an 47 realen Notfalleinsätzen teilnehmen – inklusive ein paar recht interessanten Fällen – und habe somit einen ganz guten Einblick erhalten. Es gibt die typischen deutschen SKK16Notarzteinsatzindikationen genauso wie Schuss- und Stichverletzungen. Auffallend sind vor allem auf dem BLS-RTW die vielen mit sozialem Elend assoziierten Alarmierungen. Obdachlose welche auf dem Gehsteig zelten sind hier ein völlig normaler Anblick. Die Einsatzfrequenz ist meiner Erfahrung nach insgesamt etwas niedriger als in demographisch vergleichbaren Regionen in Deutschland, die Frequenz an wirklich vitalbedrohten Patienten jedoch etwas höher als auf den mir bekannten NEF. Ein Paramedic bei King County Medic One versorgt pro Jahr circa 12 „wirklich“ polytraumatisierte Patienten. Man erhält sämtliche Einsatzinformationen auf ein SKK7Notebook im RTW, es erfolgen während der Anfahrt ständige Updates. Die Anfahrts- und Transportwege sind auf dem Land teils recht lang, gerade mit Traumapatienten fährt man gerne mal 45 Minuten. Es wird bei ALS- Patienten kein „scoop and run“ betrieben. Man arbeitet zügig, trifft aber die nötigen Maßnahmen an der Einsatzstelle. Ausnahmen hiervon sind Notfälle wie stumpfe Abdominaltraumata oder Schlaganfälle, hier wird schon schnell losgefahren.
Die Dokumentation erfolgt ähnlich wie mit unserem NIDA- Pad, man muss jedoch noch mehr Kleinigkeiten protokollieren. Der „Narrative“, also der Fließtext wird gerne eher literarisch geschrieben.

SKK32Um ihre Aufgaben bestreiten zu können, steht den Paramedics ein umfangreicherKompetenzrahmen zur Verfügung. Neben der Applikation fast aller im deutschen Notarztdienst verfügbaren Medikamente führen die Paramedics folgende Maßnahmen durch:
– Intubation, auch via Rapid Sequence Induction (meist Einleitung mit Fentanyl, Etomidat oder Ketamin und Succinylcholin. Narkoseaufrechterhaltung dann mit Midazolam, Fentanyl und Rocuronium)
– Venenzugang via PVK, intraossär; es wird generell aufgrund der Ergebnisse mehrerer interner Studien der Humerus als Punktionsort bevorzugt. Sollte eine Punktion dessen nicht möglich oder erfolgreich sein, haben die Paramedics von Seattle und King County Medic One einen ZVK in Seldingertechnik zur Verfügung (v. Subclavia). Man kam dabei lange auf ganz ordentliche Fallzahlen, da im Rahmen einer großangelegten Studie bei jeder erfolglosen Reanimation Blut über einen ZVK abgenommen wurde. Seit der Terminierung dieser Studie sind die Paramedics angehalten, primär stets intraossäre Zugangswege zu nutzen. Viele dienstältere Mitarbeiter von King County Medic One nutzen aber noch immer den zentralen Zugangsweg als ultima ratio bei Versagen jeder anderen Technik. Bei zwei der Feuerwehren wurde der zentrale Zugang derweil abgeschafft.  Auch die Thorakostomie und Perikardozentese
, Koniotomie
, Kardioversion und transcutanes Pacing
, Escharotomie und Episiotomie fallen in den Kompetenzrahmen der Paramedics.

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Die Durchführung dieser Maßnahmen erfolgt entgegen des gängigen Klischees nicht anhand von festen Algorithmen. Echte SOPs existieren bei fast allen Betreibern nur für die Reanimation, das Polytrauma und die Hypoglykämie, dazu gibt es halt Dosierungsguidelines für die Medikamente, wobei es einzelne Unterschiede gibt. Gerade bei King County Medic One erfolgte die von mir beobachtete Versorgung autonom, individuell und vollumfänglich. Die erfahrenen Paramedics stellten beispielsweise eigenständig die Indikation für eine eher elektive Schutzintubation bei hepatischem Koma. Es wird generell viel Wert auf den „anticipated clinical course“ des Patienten, also beispielsweise zu erwartende Zustandsveränderungen, gelegt. Die meisten Betreiber verlangen von ihren Paramedics noch eine telefonische Kontaktaufnahme zu einem notfallmedizinischen Facharzt, jedoch ist das von Betreiber zu Betreiber völlig unterschiedlich geregelt. Während die Feuerwehr von Seattle während der Vorbereitung von nicht lebensrettenden Maßnahmen Kontakt zur „medical Control“ aufnimmt, wird in South King County erst versorgt und dann im Rahmen der Voranmeldung angerufen.

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Das fachliche Niveau der Kollegen ist im Durchschnitt gut bis exzellent, alle Kollegen mit denen ich gefahren bin konnten beispielsweise sehr gut 12-Kanal- EKG interpretieren. Generell können viele der Mitarbeiter ein beachtliches Ausmaß an Erfahrung und Fallzahlen vorweisen. Bis zu 45 Intubationen im Jahr sind bei entsprechendem Überstundenkonto durchaus möglich. Ein Paramedic mit mehreren Jahrzehnten Berufserfahrung hat knapp 100 dokumentierte Perikardozentesen durchgeführt – ich kenne in Deutschland, ungeachtet der Frage nach der Effektivität dieser Maßnahme, niemanden der das mehr als ein mal gemacht hat. Anhand dieses provokativen Beispiels kann man sich dann ja ausmalen, was für einen Erfahrungsschatz viele der Mitarbeiter mit „normalen“ Maßnahmen und Zustandsbildern haben. Die Routine und Ruhe der Kollegen konnte man beispielsweise bei der Versorgung eines Teenagers mit Kopfschuss sehr deutlich wahrnehmen. Ich konnte zu keinem Zeitpunkt Unruhe feststellen, alles bleibt sehr geordnet und höflich, bei den EMTs wird sich auch immer freundlich bedankt. Interessant: das in Deutschland mittlerweile sehr weit verbreitete ABCDE- Schema (bzw PHTLS im Allgemeinen), wird hier von niemandem angewandt; die Kollegen kennen das zum Großteil auch gar nicht.

Hinsichtlich ihrer Versorgungsphilosophie sind abseits von einem gewissen Mindeststandart schon Unterschiede zwischen einzelnen Akteuren zu erkennen. Der eine Paramedic wird nach erfolgter Intubation bei dekompensierter Herzinsuffizienz noch eine Magensonde legen und ein geschlossenes Absaugsystem sowie eine ösophagiale Temperaturmessung installieren. Ein anderer wird nach der initialen Stabilisierung und Intubation dann lieber schnell transportieren. Bei den Patienten der EMTs erfolgt, sofern keine ALS-Nachforderung nötig ist, tatsächlich eher das häufig mit dem US-RD in Verbindung gebrachte Load and Go. Während die ALS-Versorgung meines Eindrucks nach wirklich sehr gut ist, gibt es im BLS-Bereich beispielsweise bei Patienten mit Analgesiebedarf sicherlich Unterschiede zum deutschen System. Nachforderungen zur Analgesie sind recht selten, daher müssen beispielsweise Patienten mit einer isolierten Extremitätenverletzung oft bis ins Krankenhaus auf ihre medikamentöse Analgesie warten. Die Paramedics führen jedoch großzügig Schmerztherapien mit Fentanyl und Morphin durch.

Einmal erlebte ich eine Patientin mit grenzwertig lebensbedrohlichem Asthmaanfall bei welcher aufgrund einer Phobie die Anlage eines Venenzugangs nicht möglich war. Bei knapp 10 Minuten Fahrtzeit wurde hier dann seitens des Paramedics eine klare Load&Go- Strategie verfolgt, bis auf die inhalative Gabe von Albuterol und Iatropiumbromid erfolgte keine weitere Therapie. Die Patientin wurde in der Notaufnahme zeitnah intubiert. Ein im südlichen Landkreis tätiger Bekannter hätte dieser Patientin Epinephrin i.m. gegeben, sie mit intramuskulärem Midazolam sediert und anschließend mit intravenösen Betamimetika und Magnesium therapiert. Wie man sieht, es gibt auch innerhalb des Landkreises nicht „die Behandlung“.

SKK8Die relative Freiheit der Paramedics wird durch eine umfangreiche Qualitätssicherung durch die ÄLRD erkauft. Jedes Protokoll wird gelesen, bei Diskussionsbedarf muss man dann oft vorsprechen und seine Entscheidungen zur Diskussion stellen. Jede einzelne Reanimation wird anhand der Aufzeichnungen des LP15 in diverse Qualitätsindikatoren aufgeschlüsselt. Die verantwortlichen Mitarbeiter erhalten innerhalb weniger Tage über ein Internetportal ein oft mehrseitiges schriftliches Feedback mit Lob und Kritik.

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Rahmendatenpunkte wie die Qualität der Herzdruckmassage werden für jeden einzelnen Fall mit den jeweiligen Zielvereinbarungen verglichen und hinterfragt. Bei den großen Dienstagsfortbildungen werden interessante Fälle vorgestellt sowie diskutiert und reflektiert. In dem genannten Internetportal kann man auch auf interessante Fälle anderer Teams zugreifen und die Kommentare des Auswertungsteams lesen.

SKK9Die Teilnahme an Studien ist für die Paramedics absolut alltäglich. Im Rettungsdienstbereich wird z.B aktuell eine Studie zur Gabe von Natriumnitrit bei Kreislaufstillständen durchgeführt: (https://www.uwmedicine.org/patient-resources/nitrite-study-information). Auch ist der Austausch des Lidocains durch Amiodaron in vielen Reanimationsleitlinien das Resultat einer hier durchgeführten Studie. Interessant ist, das man in King County jedoch nach wie vor Lidocain für VF und pVT gibt.

Die Ausstattung der RTW ist gut, außer Beatmungsgeräten fehlt nichts wichtiges. Tatsächlich warten auch Gegenstände wie Temperatursonden, Kapnographie-SKK3Nasenadapter oder Sengstaken-Blakemore-Sonden auf ihren Einsatz. Geld spielt keine große Rolle. Die ganzen Reanimationsmedikamente sind als „Preload“ vorhanden und müssen nicht aufgezogen werden. Das fehlende Beatmungsgerät wird halt durch einen Feuerwehrmann mit Ambu-Beutel ersetzt. Funktioniert auch, unvorteilhaft ist einzig die fehlende NIV- Möglichkeit. Patienten mit Zeichen einer drohenden respiratorischen Erschöpfung werden häufig intubiert und kontrolliert beatmet.

Eine weitere überaus spannende Erfahrungen war mein Tag mit dem LuftrettungsdienstSKK25 AirLift Northwest. Die Firma stellt den luftggebundenen Intensivtransport für den ganzen Bundesstaat Washington. Weiter werden auf Anforderung durch die Paramedics auch Primäreinsätze durchgeführt, in manchen sehr ländlichen Regionen erfolgt auch der Einsatz als primäre ALS- Ressource. Die Hubschrauber und Flugzeuge sind mit jeweils zwei notfallmedizinisch ausgebildeten Intensivkrankenpflegern besetzt, im Regelfall ist einer der beiden Kollegen Fachkrankenpfleger für pädiatrische Intensivmedizin. Dazu gibt es noch einen Piloten und teilweise einen Bordmechaniker. Ein Arzt fliegt außer zu Ausbildungszwecken nicht mit. Die Disposition erfolgt über eine eigene Zentrale, wobei das Verhältnis zwischen Primär- und Sekundäreinsatz bei circa 40/60 liegt.

SKK1Die Ausstattung und Arbeitsweise ist im Großen und ganzen entsprechend dem deutschen Intensivtransport. Es gibt vom Hamilton T1 über diverse Perfusoren bis hin zu einem mobilen BGA-Gerät alles was man brauchen könnte.
Die Flight Nurses haben mit ihrer 3-4 jährigen Berufsausbildung einen ordentlichen Kompetenzkatalog. Zusätzlich zu den meisten Medikamenten und Maßnahmen der normalen Paramedics verabreichen die Kollegen beispielsweise bereits prähospital sehr aggressiv Blutprodukte. Es erfolgt ein differenziertes undlungenprotektives Beatmungsmanagement.

SKK19Der BGA kommt hier bereits präklinisch eine große diagnostische wie therapeutische Rolle zu, es gibt auch sämtliche hierzu nötigen Elektrolyte und Mineralien. Es gibt, genauso wie bei den Paramedics, keine festen Algorithmen. Man orientiert sich an vorgegebenen Richtlinien, die jedoch sehr häufig “ consider“ enthalten. Gerade bei Neonaten, welche von kleinen Quellkliniken geholt werden, erfolgt z.B die Narkose häufig erst durch die RTH- Besatzung. Die Rolle im Rahmen von Primäreinsätzen ist innerhalb des eigenen Landkreises jedoch tatsächlich eine primär transportierende, da die Patienten in aller Regel bereits durch die Paramedics fertig versorgt sind. Eine Parallelalarmierung wird grundsätzlich nicht vorgesehen.

SKK29Auf CRM wird ein großer Fokus gelegt – jedes Besatzungsmitglied muss zu Beginn der Schicht einen Test machen, bei welchem die geistige wie körperliche Verfassung anhand diverser Fragen in eine Skala eingeordnet wird. Aus diesem Score gehen dann diverse mögliche Interventionen hervor, vom Powernap bis zur Ablösung. Diese Tests werden nach bestimmten Einsätzen wiederholt. Es hängen überall Plakate mit Themen wie „Just Culture“ , vor jedem Flug wird ein kurzes Team-Time-Out gemacht. Es gibt viele Checklisten, diese werden auch konsequent genutzt.

Die Qualitätssicherung baut auf zwei Säulen auf: Die Kollegen machen untereinander sogenannte „Peer Reviews“ und der firmeneigene ÄLRD schaut sich alle Hochrisikotätigkeiten wie RSI und Bluttransfusion an. Hieraus wird dann ein individuelles Fortbildungsprogramm erstellt. Beim Peer Review werden systematisch Qualitätsindikatoren wie beispielsweise „keine Hypoxie bei RSI“ festgemacht und dann in kollegialer Atmosphäre besprochen. Es gibt regelmäßige Mortalitätskonferenzen sowie ein eigenes CIRS.

Noch am Rande erwähnt: manche der RTH- Kräfte haben, genauso wie viele Paramedics, ein fünfstelliges Monatsgehalt und müssen im Schnitt sechs 24h- Dienste im Monat leisten.

SKK5Abschließend noch ein paar Worte zum Berufsbild in den USA.
Prinzipiell muss man sagen, dass die Amerikaner in einem unvergleichbaren Ausmaß freundlich und offen gegenüber „Fremden“ sind, vor allem wenn man auch in der Branche ist. Man wird sofort in die Gemeinschaft aufgenommen und als normaler Kollege behandelt. Man genießt als „First Responder“ durchaus Vorteile im Alltag – an der Kasse im Kaufland muss man sich hier oft nicht anstellen, genauso gibt es gerne Kaffee oder ähnliches kostenlos. Passanten bedanken sich für deinen Dienst an der Gesellschaft, bei 4 Diensten hier wurde während meiner Anwesenheit Essen von Anwohnern auf die Wache gebracht. Das alles mag einem Deutschen fremd bis leicht pathetisch vorkommen, hier ist es jedoch guter Ton und man ist sich seiner Rolle als „Hero“ sehr bewusst, vor allem seit 9/11. Es wird großer Wert auf Höflichkeit und ein ordentliches Erscheinungsbild gelegt, man hat ja einen Ruf zu verlieren. Ich sage jetzt nicht dass das bei uns nicht so ist, hier werden solche Ideale einfach nur viel mehr gelebt und kommuniziert. Fast alle sind glücklich mit ihrem Beruf, man nimmt fast keine Heulerei wahr. Der Umgang mit den Patienten, gleich welcher Herkunft, konnte von mir nur als tadellos und emphatisch beobachtet werden. Die gewerkschaftliche Organisation ist weit verbreitet, man hat über Jahre für seine Arbeitsbedingungen gekämpft.

Auch die Wahrnehmung als medizinischer Profi ist eine andere, was sicher auch auf das Auftreten der Kollegen gegenüber anderen Berufsgruppen bei beispielsweise Übergaben zurückzuführen ist. Die Kommunikation die ich beobachten konnte, ist auf Augenhöhe. Und damit meine ich zwischen notfallmedizinischen Fachärzten und den Paramedics. Einmal konnte ich jedoch auch hier eine typische Hausarzt-Konfliktsituation (ACS vs pleuritischer Thoraxschmerz) erleben, so etwas gibt es hier also auch. Generell ist es jedoch so, dass die Paramedics auch von sämtlichen Ärzten als die primären Fachleute für prähospitale Diagnose und Therapie wahrgenommen werden. Man ist sehr bemüht, hochwertige Dokumentation zu erstellen, da diese als Aushängeschild betrachtet wird. Auch von Seite der Bevölkerung wird dem Rettungsdienstpersonal und Feuerwehrleuten ein hohes Vertrauen entgegengebracht.

Insgesamt kann ich das Fazit ziehen, hier eine unglaubliche interessante Zeit erlebt zu haben. Die medizinische Leistung der Paramedics konnte mich absolut überzeugen, vor allem bei King County Medic One. Ich konnte hier innerhalb von zwei Wochen eine Menge Patienten mitversorgen, die man in Deuschland sehr selten bis nie zu Gesicht bekommt. Am Ende bleibt es für mich eine tolle Erfahrung mit neuen Freundschaften – ich bin sehr gespannt auf weitere Auslandsaufenthalte.

Das Vorgehen bei einer Traumversorgung wird vermutlich in einer der nächsten Ausgaben der Zeitschrift RETTUNGSDIENST anhand der Kasuistik einer Schussverletzung näher erläutert.


Bilder: Copyright by Nick Rauschenberger

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