Der verwahrloste Patient

Der verwahrloste Patient

Vor einiger Zeit wurde ich mit meinen Kollegen von einem RTW als NAW zu einem bewußtlosen Patienten nachgefordert. Auf die Nachfrage was denn der Nachforderungsgrund sei kam zur Antwort: „genaues können wir noch nicht sagen, wir können die Wohnung aus Geruchs- und Hygienegründen nicht betreten“. Ein HLF wurde zur Unterstützung mit Atemschutz ebenfalls nachgefordert.

Bei Eintreffen zeigte sich eine total vermüllte, mit Schmutz, Fäkalien und Sammlerstücken überladene Behausung in welcher es wirklich äußerst unangenehm roch. Inmitten dessen ein nur auf Schmerzreiz reagierender Patient welcher nur mit einer Unterhose bekleidet war. Die Liegedauer war nicht eindeutig zu bestimmen.

Das Antreffen solcher Patienten ist zwar nicht alltäglich, löst aber aufgrund der Umstände meist Unwohlsein bei den Helfern aus. Egal ob es sich um eine Auffindesituation im häuslichen Bereich oder bei obdachlosen Patienten handelt.

Auch stelle ich fest, dass wir uns mit den Besonderheiten dieser Patientengruppe viel zu selten beschäftigen. Dr. Ingo Gräff hat diesbezüglich einen sehr interessanten Artikel [1] veröffentlicht, dessen wichtigsten Aussagen ich mit dessen Erlaubnis hier kurz zusammenfassend mit einfließen lassen möchte. Das Lesen dieses Artikels sei jedem im Rettungsdienst tätigen wärmstens empfohlen.

Oftmals führt eine Kombination von

  • vernachlässigter Körperhygiene
  • schlechtem Ernährungs- und Allgemeinzustand
  • chronische Erkrankungen und akute Erkrankungen / Ereignisse
  • Vemüllungssyndrom
  • Messi-Syndrom

zur Verwahrlosung und einer solchen Auffindesituation. Oft werden diese Zustände erst verspätet entdeckt und gemeldet sodass eine genaue Definition der Liegedauer schwer ist.

Gerade aus den o. g. Gründen (Geruch, Aussehen, Schubladendenken usw.) sind wir geneigt evtl. mit etwas Abstand und Ekel zu reagieren. Fixierungsfehler können die Folge sein. Wir müssen uns jedoch klar sein, dass auch dieses Patientgut unsere volle Aufmerksamkeit und Betreuung erwarten darf und auch benötigt. Eine eingehende Ersteinschätzung und Untersuchung nach ABCDE Schema ist geboten.

Die Arbeit von Gräff et al untersuchte den Zeitraum von 2009 bis 2016 in der Notaufnahme des UK Bonn und fand 17 Patienten welche aufgenommen und das Zeichen eines Verwahrlosungssyndroms aufzeigten.

  • 7 Patienten benötigten eine Intubation, 4 davon bereits präklinisch. Bei zwei Patienten zeigte sich ein schwieriger Atemweg, verursacht vermutlich durch ein Liegen tiefem Oberkörper und somit verursachter Schwellung.
  • Eine ausgeprägte Exikkose zeigte sich bei 12 Patienten
  • Acht Patienten befanden sich in einer Hypothermie (Stadium 1); die minimalste Temp. betrug bei einem Patienten 31,9 C (Stadium 2). Auch bei normalen Umgebungstemperaturen ist ein Auskühlen möglich! Aber auch Fieber bei evtl. bestehender Sepsis kann detektiert werden.
  • Bei Bewusstlosigkeit lässt sich anfänglich die Ursache oft nur schwer, präklinisch häufig gar nicht erklären. Zerbrale Geschehen, metabolische Störungen sowie Elektrolytentgleisungen sind häufig ursächlich.
  • Wund- / Haut- und Weichteilschäden können am gesamten Körper vorhanden sein. Sie können vorbestehend oder aber durch eine längere Liegezeit verursacht worden sein.

Gerade bei langer Liegedauer sollte meiner Meinung evtl. auch an eine sogenannte Crash-Injury und eine damit verbundene Rhabdomyolyse gedacht werden. In diesem Zuge ist auch mit erhöhten Kalium Werten und eventuell auftretenden Herzrhythmusstörungen zu rechnen.

Trotz des oben bereits erwähnten Ekelgefühles darf wie gesagt die sofortige Hilfe für den Patienten nicht leiden. Auf Eigenschutz mittels Infektschutzanzug und FFP-3 Maske sollte dennoch bei Bedarf geachtet werden. Auch muss die Auffindesituation in der Hinsicht der Fremdgefährdung analysiert werden und evtl. die Polizei und / oder das Gesundheitsamt hinzugezogen werden. Die unter Umständen notwendige Unterbringung des Lebensgefährten ist ebenfalls aus o. g. Grund zu erwägen.


[1] Dr. I. Gräff, R. C. Dolscheid-Pommerich, S. Ghamari, T. Baehner, H. Goost; Verwahrlost, einsam und krank – der soziale Breakdown. Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin 5/2018 doi 10.1007/s00063-017-0311-z

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Ein Gedanke zu „Der verwahrloste Patient

  1. Im psychiatrischen Kontext reden wir inzwischen von „Selbstvernachlässigung“ anstelle von „Verwahrlosung“ bzw. „Vermüllung“, um hier in einer wertfreien Sprache zu bleiben. Die Selbstvernachlässigung ist ein Phänomen das wir in der aufsuchenden Psychiatrie, Sozialpsychiatrie immer wieder antreffen- und nicht selten sind wir auf die Hilfe von Feuerwehr/ RD angewiesen.

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