Sommerzeit, Badezeit – Ertrinkungsunfälle

Sommerzeit, Badezeit – Ertrinkungsunfälle

Es wird endlich Sommer und die wärmeren Temperaturen locken in den Garten, an den Badesee oder in das Freibad. Leider steigt, damit verbunden, auch wieder die Anzahl der Ertrinkungsunfälle. Alleine im Jahr 2018 schlugen 504 Ertrinkungsunfälle in der von der DLRG veröffentlichten Statistik zu Buche [1]. Bei Kindern zählt das Ertrinken neben Verkehrsunfällen zu den häufigsten Todesursachen [2]. Aus diesen Gründen möchte ich heute diese Thematik aufgreifen und auch gleichzeitig daran erinnern, dass Ertrinken meist ein stilles Geschehen ist und seltenst mit der im Titelbild gezeigten Gestikulierung einhergeht.

Definition des Ertrinkens:

„Einschränkung der Atmung durch Eintauchen oder Untertauchen in Flüssigkeit.“ [3] Begrifflichkeiten wie Beinaheertrinken, trockenes oder nasses Ertrinken oder sekundäres Ertrinken sind fachlich falsch und irreführend und sollten aus diesen Gründen nicht verwendet werden. [4] Die Unterscheidung von Ertrinken in Süß- oder Salzwasser hat bei der rettungsdienstlichen Versorgung keine Relevanz; vermutlich auch nicht bei der klinischen.

Maßnahmen:

Neben der Rettung aus dem Gewässer steht die Versorgung mit Sauerstoff beim noch spontan atmenden und wachen Patienten an erster Stelle. Inhaliertes und verschlucktes Wasser wird in diesem Falle meist ausgehustet bzw. erbrochen. Im Falle einer Bewusstlosigkeit muss die Flüssigkeit aus dem Mund-Rachen Raum entfernt (meist abgesaugt) werden.

Führte der Ertrinungsunfall zum Herz-Kreislauf-Stillstand sei daran erinnert, dass hier meist die Hypoxie Auslöser ist. Deshalb erscheint entgegen zur Standard HLW hier der Start mit Rescue-Breaths sinnvoll. Auch sollte auf eine „hands-on only CPR“ soweit möglich verzichtet und auch der Ersthelfer wenn irgend möglich telefonisch zur Beatmung angeleitet und inspiriert werden. [5]

Zu beachten ist auf jeden Fall auch der Wärmeerhalt bzw. die Wiedererwärmung da der Ertrinkungsunfall meist auch mit einer Unterkühlung einhergeht. Hier ist präklinisch meist eine passive Erwärmung mittels Abtrocknen, wamer Umgebung sowie Decken zweckmäßig. Nach dem Grundsatz „keiner ist tot solange er nicht warm und tot ist“ muss bei massiver Hypothermie gerade an die klinischen Möglichkeiten der Wiedererwärmung gedacht werden und Kliniken mit der Möglichkeit einer ECMO als Zielklinik favorisiert werden. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass trotz aller neuroprotektiver Wirkung der Hypothermie beim Ertrinken diese in eine zeitliche Relation gesetzt werden muss. Nach zwei Stunden unter Wasser hilft auch diese nicht. Außerdem erreichen Gewässer in unseren Breiten selten solch kalte Temperaturen, dass die notwendige Hypothermie zeitlich schnell genug eintritt.

Bei Hinweisen auf die Möglichkeit einer Wirbelsäulenverletzung ist eine Einschränkung der Beweglichkeit der Wirbelsäule mittels bekannten Hilfsmitteln wie Vakuummatratze und Head-Blocks vorzunehmen. Allerdings dürfen diese Maßnahmen die CPR sowie das Atemwegsmanagement nicht behindern oder verzögern.

Immer wieder stellt sich auch die Frage, welcher Patient nach einem Ertrinkungsereignis einer klinischen Behandlung zugeführt werden muss und wer nach Hause entlassen werden kann.

Patienten

  • welche symptomfrei sind
  • normale Vitalwerte aufweisen
  • normale Ventilation und Oxygenierung aufweisen
  • eine nicht pathologische Lungenuntersuchung (keine path. Atemgeräusche) aufweisen

müssen nach Aufklärung nicht zwingend einer klinischen Behandlung zugeführt werden. [6]

Prävention:

Um es erst gar nicht soweit kommen zu lassen, ist die Prävention ein wichtiger Schritt! In Sachen Aufklärung hierzu sind auch die Hilfsorganisationen sowie das Rettungsfachpersonal gefordert.

  • Gartenteiche sowie Pools in Gärten sollten gesondert abgesichert werden (z. B. Zaun mit verschließbarem Tor)
  • Kinder am Wasser im Auge behalten
  • Frühzeitiger Schwimmunterricht
  • Vorhaltung von Rettungsgerät
  • Einhaltung der Baderegeln

Weitere Infos zum Thema:


[1] DLRG Ertrinkungstatistik 2018 (abgerufen 31.05.2019)

[2] Causes of death among children aged 5–14 years in the WHO European Region: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. Kyu H.H., Stein C.E., Boschi Pinto C., Rakovac I., Weber M.W., Dannemann Purnat T., Amuah J.E., (…), Naghavi M. (2018)  The Lancet Child and Adolescent Health,  2  (5) , pp. 321-337. DOI:https://doi.org/10.1016/S2352-4642(18)30095-6

[3] WHO Drowning Definition nach World Congress of Drowning (2002)

[4] Wilderness Medical Society Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Drowning. Schmidt, Andrew C. et al. Wilderness & Environmental Medicine, Volume 27, Issue 2, 236 – 251 DOI: https://doi.org/10.1016/j.wem.2015.12.019

[5] European Resuscitation Council Guidelines for Resuscitation 2015: Section 4. Cardiac arrest in special circumstances. Resuscitation, October 2015, Pages 148 – 201 DOI: 10.1016/j.resuscitation.2015.07.017

[6] Andrew Schmidt, Drowning Lecture Handout (abgerufen 31.05.2019)

Ein Gedanke zu „Sommerzeit, Badezeit – Ertrinkungsunfälle

  1. Vielen Dank für den interessanten Beitrag, aber vielleicht noch eine wichtige Differenzierung für die Neuropotektion der Hypothermie: es ist ein enormer Unterschied, ob man eine Weile schwimmend auskühlt und dann untergeht und einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet, oder ob man direkt untergeht und dann im HKS unter Wasser allmählich auskühlt. Beim Retten sind die Körper zwar gleich kühl, die Prognose unterscheidet sich jedoch gewaltig.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar