Kinder sind keine kleinen Erwachsene…

Kinder sind keine kleinen Erwachsene…

…das hört man immer wieder wenn es um pädiatrische Notfälle geht. Und zu einem gewissen Grad ist das auch richtig. Richtet sich das strukturierte Vorgehen bei der Abarbeitung eines Notfalles auch in der Pädiatrie an dem inzwischen überall geläufigen cABCDE Schema, so gibt es doch gerade in der Anatomie und Physiologie einige, zum Teil gravierende Unterschiede zum Erwachsenen, welche wir auf dem Schirm haben und bei der Behandlung berücksichtigen sollten.

Allem voran sei erwähnt, dass bei Kindern auf Grund des erhöhten Metabolismus die Sauerstoffgabe sowie die Beatmung (rescue breaths) im Falle einer Reanimation oder auch Narkoseeinleitung eine so gewichtige Rolle spielt.

Ebenso essentiell ist die Beachtung dessen, dass die bei Erwachsenen meist „ein Patient – eine Ampulle“ praktizierte Vorgehensweise in keinem Falle zur Anwendung kommen darf! Hier ist grundsätzlich eine Alters / Gewichts adaptierte, genaue Dosierung anzuwenden und am besten, wie bei einigen anderen Dingen auch, auf ein Hilfsmittel (egal ob Lineal, Scheibe, App u. ä.) zurückzugreifen.

Atemwege

  • Zunge ist im Verhältnis zum Mund-/Rachenraum größer
  • Tracheal- / Bronchialdurchmesser ist geringer
  • Kehlkopf liegt höher und ist mehr nach vorne gelagert
  • Epiglottis im Verhältnis groß, U-förmig und steifer
  • Entgegen geläufiger Meinung bildet auch beim Kind die Glottisebene die engste Stelle [1]

Daraus resultieren zum einen Besonderheiten bei der Beatmung → kein Überstrecken des Kopfes sondern „sniffing position“ sowie der Intubation. Auf der anderen Seite wirkt sich eine Schwellung in den Atemwegen wesentlich schneller und prominenter auf den Gesamtzustand des Patienten aus.

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Vergleich der Auswirkung einer Schwellung im Bereich der Trachea

 

Körperoberfläche

Diese ist im Vergleich zur Masse des Erwachsenen größer und auch anders verteilt. Der bezüglich der Körperoberfläche relativ große Kopf spielt eine immense Rolle in Bezug auf den Wärmeverlust. Bei Neugeborenen und Säuglingen muss aus diesem Grund im Punkt Wärmeerhaltung hierauf immer ein Augenmerk gelegt werden. Eine Kopfbedeckung bei einem Transport aus einer warmen Umgebung ist somit obligat.

Auch auf die bei Verbrennungen oft angewandte Neuner-Regel wirkt sich die kindliche Körperoberfläche aus.

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9er Regel Vergleich verschiedene Altersklassen. Handinnenfläche = 1%

 

Skelett

Die kindlichen Knochen befinden sich im Wachstum, sind wesentlich flexibler als beim Erwachsenen und nehmen auch noch nicht an allen Stellen ihre vorgesehene Schutzfunktion ein.

So ist zum Beispiel bis zum Verwachsen der Fontanellen durch die gegebene Flexibilität des knöchernen Schädels und des geringen notwendigen Blutvolumens bis zur Ausbildung eines Schocks beim Säugling ein solcher alleinig durch eine größere Blutung in den Kopf möglich.

Ebenfalls durch die Flexibilität der Knochen kann es durch eine Gewalteinwirkung auf den Thorax zu massiven Lungenkontussionen kommen ohne dass die normalerweise im Erwachsenenalter oftmals begleitenden knöchernen Verletzungen (Rippen- / Rippenserienfrakturen) auftreten. Präklinisch können thorakale Hämatome wegweisend sein.

Auf Grund des proportional noch nicht vollständig ausgebildeten thorakalen Skeletts liegen die Organe Leber und Milz weitestgehend ungeschützt und sind somit wesentlich anfälliger für Verletzungen.

Intoxikation

Abschließend sei auf einige Stoffe / Medikamente hingewiesen, welche im jungen Alter (meist Kinder < 5 Jahren) selbst in geringen Mengen zu schwerwiegenden Vergiftungen mit teilweise auch tödlichem Ausgang führen können; oftmals als „one pill can kill“ bezeichnet [2,3].

  • Antidepressiva
  • ß-Blocker
  • Ca-Antagonisten
  • Opiode
  • orale Antidiabetika
  • Diphenhydramin
  • Theophyllin
  • Kampfer
  • Methylsalicylat

 


[1] Dalal PG, Murray D, Feng A, Molter D, McAllister J. Upper airway dimensions in children using rigid video-bronchoscopy and a computer software: description of a measurement technique. Paediatr Anaesth. 2008;18(7):645-653. doi:10.1111/j.1460-9592.2008.02533.x

[2] Der One Pill Kill. ToxDocs Blog 06/18 (abgerufen: 15.06.2020)

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