Natriumbicarbonat bei der Reanimation: keine gute Idee, außer…

Natriumbicarbonat bei der Reanimation: keine gute Idee, außer…

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand   kommt es auf Grund der fehlenden  Atmung und des erliegenden Kreislaufes zunehmend zu einer kombinierten respiratorischen und metabolischen Azidose. Das heißt der pH-Wert verschiebt sich in den sauren Bereich; fällt also unter den Normwert von 7,35 – 7,45. Eine Azidose hat verschiedenste Auswirkungen, u. a. negativ dromotrop und inotrop, und ist nicht gerade Rhythmus und Blutdruck stabilisierend. Auch wirken Katecholamine, also u. a. auch Suprarenin, nicht mehr ausreichend. Und gerade das alles braucht man bei einer Reanimation eigentlich nicht.

Natriumbicarbonat (NaHCO3) ist eine Puffersubstanz welche, kurz erklärt, im Körper dazu dient Säure (H+ Ionen) dahingehend abzubauen dass sie abgeatmet werden kann. Bei diesem Prozess wird neben Wasser und CO2 auch Natrium frei. Natürlich kann Natriumbicarbonat auch als Medikament zugefügt werden um diesen Vorgang zu beschleunigen und den pH-Wert schneller wieder in Richtung seines Normbereiches zu bewegen.

Ein eigentlich logischer Vorgang wäre demzufolge ja eigentlich NaHCO3 in einer solchen Situation zuzuführen um sich dies zu Nutze zu machen. Und ja, zu meiner Anfangszeit im Rettungsdienst war es Standard bei jeder Reanimation auch 250 ml NaHCO3 8,4 % zu verabreichen. Im Laufe der Zeit wurde jedoch nachgewiesen dass dieses Vorgehen eher kontraproduktiv ist und nicht den erhofften Erfolg nach sich zieht. Die Gabe von NaHCO3 verschlechtert sogar das Langzeitüberleben wie auch den neurologischen Status bei Überlebern (1). Seit einigen Jahren schon ist man mit der Empfehlung der NaHCO3 Gabe in den Reanimationsguidelines sehr zurückhaltend geworden. In den Guidelines 2015 wird davon klar abgeraten: „Es wird nicht empfohlen, Natriumbicarbonat routinemäßig während des Kreislaufstillstands bei der Wiederbelebung oder auch nach Wiederherstellung eines Spontankreislaufs zu geben.“ (2)

Aber warum ist das so? In der Regel steht im präklinischen Bereich kein POC Test (BGA) zur Bestimmung des tatsächlichen pH-Wertes zur Verfügung. Dieser kann also höchstens erahnt und abgeschätzt werden. Und selbst die Werte einer BGA sind in einer solchen Situation meist nicht aussagekräftig. Eine Blindpufferung kann den pH-Wert in den basischen Bereich, also über 7,45 anheben. Wie oben beschrieben entsteht beim Puffervorgang CO2 welches in die Zellen diffundiert und die intrazelluläre Azidose verstärkt. Die Abatmung des CO2 funktioniert auf Grund des nur sehr gering aufrecht zu erhaltenden Kreislaufes nicht. Außerdem wird eine große Menge an Natrium freigesetzt. Die Sauerstoff/Hämoglobin Bindungskurve wird nach links verschoben was zu einer erhöhten Affinität des Sauerstoffes an das Hämoglobin führt. Dies bedeutet, dass der Sauerstoff auf Zellebene erschwert an die Zelle abgegeben wird. Alles in allem also keine gute Idee!

Gibt es Ausnahmen bei welchen Natriumbicarbonat im Rahmen der Reanimation indiziert sind? Eindeutig ja… (2)

  • Hyperkaliämie als Ursache
  • Intoxikation mit trizyklischen Antidepressiva als Ursache

Jedoch auch hier muss auf die Anamnese und evtl. auf das EKG Bild vertraut werden. Auch für den Kaliumwert stehen präklinisch meist keine POC Tests zur Verfügung. Eine PEA mit breiten Komplexen und passender Anamnese (z. B. Dialysepatient) kann hier evtl. wegweisend sein (siehe auch).

Die beste Möglichkeit eine Azidose im Rahmen einer Reanmation in den Griff zu bekommen ist nach wie vor eine perfekt durchgeführte Herzdruckmassage / Beatmung und angemessene CO2 kontrollierte Beatmung nach ROSC!

Einen guten, jedoch englischsprachigen Podcast welcher dieses Thema sehr gut behandelt und zusammenfasst haben die Kollegen von „The Resus Room“ produziert. Er steht hier zum Download zur Verfügung und diente diesem Blogpost als Anregung.

Aktualisierung 07.11.2018

Ein guter Artikel mit dem Titel „Sodium Bicarbonate Therapy does not work in Cardiac Arrest“ ist vor zwei Tagen auf der Website emDOCs erschienen. Nach wie vor sind die Meinungen zu dieser Thematik sehr kontrovers und es wäre an der Zeit die Fragestellung, ob NaHCO3 hier einen Benefit bringt oder nicht, durch eine große und aussagekräftige RCT zu klären.


(1) Prehospital sodium bicarbonate use could worsen long term survival with favorable neurological recovery among patients with out-of-hospital cardiac arrest. Kawano, Takahisa et al. Resuscitation , Volume 119 , 63 – 69

(2) Notfall Rettungsmed 2015 · 18:770–832 DOI 10.1007/s10049-015-0085-x Online publiziert: 12. November 2015 © European Resuscitation Council (ERC), German Resuscitation Council (GRC), Austrian Resuscitation Council (ARC) 2015

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