Telemedizin, die Lösung?

Telemedizin, die Lösung?

Im Großraum Aachen wird seit 2014 auf einen Telenotarzt gesetzt. In der Entwicklungsphase zum Teil durch Fördermittel finanziert und mit Implementierungskosten in Höhe von 6 bis 7 Millionen Euro (1,2) durch die Kostenträger gestützt sicher keine billige Lösung. Nun scheint auch der Landkreis Vorpommern-Greifswald auf diesen Zug aufzuspringen (3).

Ein in der Fachzeitschrift Notfall- & Rettungsmedizin verfasster Artikel befasst sich mit diesem Thema sowie mit den Indikationen und Grenzen des Systems (4). Es wird hier als „weltweit erstmalig holistisches Telemedizinkonzept“ gepriesen. Was den Holismus angeht mag dies zutreffen. Ansonsten sind telemedizinische Konzepte in der Präklinik nichts Neues. Bereits in den frühen 70ern wurden diese Konzepte inkl. der Möglichkeit einer EKG Telemetrie in den USA angewendet; sind jedoch heute fast vollkommen in der Versenkung verschwunden.

Ausgemustert, aber sich nicht weil es technisch nicht möglich wäre sondern weil es kostenintensiv und nicht des Rätsels Lösung war. Man hat scheinbar dort erkannt, dass das Geld besser angelegt werden kann. Nämlich in der Ausbildung sowie im fortlaufenden Training des dort in der Präklinik tätigen Personal. Denn der Telenotarzt kann zwar hilfreich bei der Diagnostik eingreifen aber keine Maßnahmen vor Ort durchführen. Beides bedarf Wissen und Training.

Ein Beispiel: Der Telenotarzt kann zwar ein EKG interpretieren, die notwendigen Maßnahmen vor Ort müssen trotz alledem die vorhandenen Notfallsanitäter durchführen. Das Lesen und Interpretieren von EKG´s kann man aber auch med. Assistenzpersonal lehren; die Frage ist nur wie. Bei uns beschränkt sich dies meist auf eine Grundausbildung ohne wirklich weiterführendes Training. In Kansas City wurde z. B. bei Einführung des 12-Kanal EKG´s auf den Rettungsmitteln im Jahre 2001 jeder Mitarbeiter geschult und anschließend für eine Woche in eine Notaufnahme gesteckt. Die Aufgabe? Ja richtig, eine Woche nichts anderes tun als EKG´s zu schreiben und zu interpretieren. Und glauben Sie mir, die Kollegen können dies mitunter besser als so mancher nicht kardiologische Notarzt hierzulande.

Und genau hier ist in unserem System der Hund begraben. Es mangelt an der praxisorientierten Aus- und Weiterbildung. Würde man hierauf ein gezieltes Augenmerk legen wäre es durchaus möglich nichtärztlichem Personal weit mehr in der Patientenversorgung zuzutrauen; wenn dies gewünscht wäre.

Mit 6 bis 8 Mio. Euro könnte weitaus flächendeckender eine bessere Patientenversorgung sichergestellt werden wenn diese in Aus- und Weiterbildung investiert würden. Auch könnten auf diese Weise die Notarzteinsätze reduziert werden und die vorhandenen Notärzte gezielt bei solchen Lagen zum Einsatz kommen wo sie einen wirklichen Benefit im Rahmen der Durchführung komplexer Abläufe, z. B. Einleitung einer Notfallnarkose oder invasiver Traumaversorgung, einen realen Nutzen mit sich bringen. Voraussetzung ist, dass dem in der Präklinik tätigen Personal Aufgaben regelhaft klar übertragen und zugetraut werden. Und glauben Sie mir, die Versorgungsqualität würde nicht darunter leiden; im Gegenteil.

Dies war eigentlich auch das Ziel des NotSanG und vom Gesetzgeber einmal so geplant: „Diesen Mehrausgaben stehen erhebliche, in der Summe nicht quantifizierbare Einspareffekte gegenüber, da durch die verbesserte Qualifizierung dieser Berufsgruppe Einsparpotentiale bei Krankenhausbehandlungen und weitere Einsparungen durch eine Vermeidung unnötiger Notarzteinsätze zu erwarten sind.“ (Drucksache 17/11689 Deutscher Bundestag 28.11.2012)

Denn nur wer in der Regel kompetent ist, wird auch in der Not kompetent sein! Soviel zu meiner Meinung bzgl. Notkompetenzregelung oder Durchführung von Maßnahmen nur im Rahmen des § 34 StGB.


(1) TemRas – Telemedizinischer Rettungsassistent (Telenotarzt)

(2) Telnotarzt-Dienst im Aachener Rettungsdienst. SK-Verlag online

(3) Telenotarzt wird Teil des Rettungsdienstes Vorpommern-Greifswald

(4) Rossaint R et al; Indikationen und Grenzen des Telenotarztsystems. Notfall + Rettungsmedizin 05/2007 https://doi.org/10.1007/s10049-016-0259-1

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu „Telemedizin, die Lösung?

  1. Lieber Jürgen
    Danke für diesen mutigen Artikel! Ich bin in der Sache ganz Deiner Meinung. Hier in Deutschland sind doch einige fehlgesteuerte Kräfte am Werk.

    Gefällt mir

  2. Rampert bitte kommen…
    Im Landkreis Vorpommern-Greifswald sind 6 Telenotarzt-RTW in den Dienst gestellt worden. 2 davon fahren in der Universitätsstadt Greifswald in der des einzige Krankenhaus der Maximalversorgung im Landkreis innerhalb von wenigen Minuten erreichbar ist. Der südliche, noch dünner besiedelte Landstrich ist dabei völlig ignoriert worden, wobei die NEFs schon jetzt teilweise eine Anfahrtszeit von mehr als 20 Minuten haben. Die Einsätze steigen seit Monaten (ein Schelm wer böses denkt…). Die Mitarbeiter im dortigen RD sind mehr als an der Belastungsgrenze. Es gab bestimmt viel Geld für dieses Projekt, aber es fehlt an der Basis! Schlecht ausgestattete Fahrzeuge, die den Normen nicht entsprechen. Notfallsanitäter die gerne wollen, aber nicht dürfen und Mundtot gemacht werden. Mitarbeiter werden mit dubiosen Arbeitsverträgen geködert (Sanitäter wachsen einscheinend immer noch an Bäumen) und ein seit Jahren fehlendes MANV Konzept!!! Der Telenotarzt wird es zukünftig richten…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s