Die Wernicke Enzephalopathie ist eine Erkrankung welche sich im ZNS abspielt. Sie beruht auf einem Vitamin B1 (Thiamin) Mangel welcher sich zum Beispiel durch Mangelernährung und Essstörungen etablieren kann, aber auch in Verbindung mit Alkoholismus auftritt. Auch eine Vitamin B1 Aufnahmestörung kann die Ursache sein.
Thiamin wird bei der Verstoffwechslung von Glukose zu ATP benötigt.
Glykolyse ⇒ Pyruvat ⇒ (Thiaminpyrophosphat) ⇒ Acetyl-CoA ⇒ Citrat-Zyklus ⇒ ATP
Liegt Thiamin nicht ausreichend vor, wird der oben gezeigte Ablauf gestört und die vor allem sehr hochgradig ATP abhängigen Organe (Gehirn / Herz) in Mitleidenschaft gezogen. Die typische Trias der durch Thiammangel hervorgerufenen Wernicke Enzephalopathie besteht aus
- Bewusstseinsstörung
- Ataxie
- Augenmuskellähmung / Nystagmus
Das Auftreten der kompletten Trias ist eher selten; ein Fehlen der vollkommen ausgeprägten Trias ist jedoch kein Ausschlusskriterium. Die Häufigkeit ist schwer zu recherchieren, wird bei Obduktionen jedoch zwischen 0,3% und 2,8% detektiert. Klinisch wird diese Diagnose selten gestellt, ist aber vermutlich auch unterdiagnostiziert. Vielleicht auch weil wir sie einfach nicht auf dem Schirm haben und gerade der chronisch alkoholisierte Patient auch nach dem Erwachen aus der Hypoglykämie oftmals Bewusstseins- und Bewegungsstörungen zeigt welche gerne einfach auf den Alkoholspiegel projiziert werden.
Es können aber auch kardiale Störungen durch Thiamin Mangel auftreten (Beri-Beri Syndrom) welche sich zum Beispiel durch Ödeme wie bei einer CHF darstellen.
Warum aber sollte sich der Rettungsdienst für dieses Krankheitsbild interessieren? Der ein oder andere alkoholisierte Patient wird im Unterzucker aufgefunden und leidet evtl. durch einen chronischen Alkoholkonsum an einem Thiamin Mangel. Verabreichen wir Glukose wird dies aber zur Verstoffwechslung vermehrt gebraucht und steht evtl. somit nicht mehr zur Verfügung. In Folge dessen katapultieren wir unseren Patienten somit in eine Wernicke Enzephalopathie.
Dies könnte im Rahmen einer Gabe von 100 mg Thiamin bei solchen Patienten in der Regel leicht vermieden werden. Leider steht dem Rettungsdienst in Deutschland dieses Medikament, im Gegensatz zu so manch anderen Ländern, nicht bzw. nur in wenigen Bereichen zur Verfügung. Hier sollte man sich evtl. Gedanken über eine zukünftige Vorhaltung machen.

Dass das Thiamin zwingend vor der Glukose verabreicht werden muss stellt wohl mehr ein Dogma dar als dass es hierfür eine medizinische Evidenz gäbe. Es sollte der lebensbedrohliche Zustand der Hypoglykämie vorrangig behandelt werden und im Anschluss Thiamin als Prophylaxe bei entsprechenden Patienten verabreicht werden (1).
Weitere Info zum Thema:
Wernicke Enzephalopathie via News-Papers.EU
What you don’t know about Wernicke`s encephalopathy via ercast.org Podcast
