Mentale Simulation – Kopfkino

Mentale Simulation – Kopfkino

Nachtschicht, den Dienst übernommen aber noch kein Einsatz. Es ist dunkel und Schmuddelwetter; also eigentlich beste Filmzeit. Ich sitze in der Wache auf dem Sofa, die Augen geschlossen und folgender Film läuft in meinen Gedanken ab:

  • Ertasten des Ligamentum Conicum am Hals
  • Griff zum Skalpell
  • vertikaler Schnitt ca. 2 cm
  • es blutet – abtupfen
  • auffindend des Ligamentum mit dem Finger
  • horizontaler Schnitt, leichtes Andrehen des Skalpells und kleinen Finger einführen
  • Skalpell entfernen, Bougie fühlbar neben dem Finger einführen
  • Tubus über den Bougie in die Trachea einführen
  • Blocken, Tubus festhalten, etCO2 dran, Kontrollbeatmung, fixieren

Durchgeknallt – der Typ, denkt ihr sicherlich. Mag auf den ersten Blick sicherlich den Eindruck machen. Aber gerade schwierige und vor allem seltene Situationen bzw. Maßnahmen sollte man sich immer wieder „vor Augen führen“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Und eine evtl. einmal notwendige Kontiotomie mit Sicherheit in beiden Punkten.

In der Zeit des modernen und hochtechnischen Simulationstrainings sowie dessen Möglichkeiten verlässt man sich gerne darauf was man in eben solchen Trainings mitnehmen kann. Allerdings dienen diese in erster Linie eigentlich dem Training des Teamworks in Extremsituationen (CRM) und nicht dem Üben der sogenannten „hard skills“. Außerdem ist für solche Zwecke die Teilnahme an Simulationstrainings in der Regel viel zu selten.

Solch invasive Maßnahmen, Verhalten in  extremen Situationen aber auch ganz einfache SOP´s müssen eigentlich im Ernstfall abrufbar sein und sitzen. Hierzu müssen sie erlernt, trainiert und vor allem mentalisiert sein. Will heißen, sie müssen im Gehirn so gespeichert sein dass sie auch in solchen Situationen ohne Festplattenhänger abgerufen werden können und wir auch verschiedene Eventualitäten von Zwischenfällen im Voraus bedacht haben.

Und genau dazu eignet sich das am Anfang beschriebene Verfahren äußerst gut. Maßnahmen sowie extreme Situationen mit verschiedenen Variablen immer wieder gedanklich vorzustellen und abzuarbeiten; gerne auch die dazu notwendigen Bewegungen ausführen.  Ein Vorgehen das ich für mich selbst schon seit langer Zeit nutze.

Auch im Leistungssport, beim Militär oder Spezialeinheiten der Polizei findet dieses Vorgehen Anwendung; nicht ohne Grund. Einen guten Einblick in die positive Auswirkung eines „mental rehearsal“, wie es im Englischen genannt wird, bietet die Besprechung eines Artikels (1) im medizinischen Bereich zu diesem Thema im First10EM Blog.

Inspiriert dies in einem kurzen Blogbeitrag anzureißen und auch anderen Kolleginnen und Kollegen nahezulegen hat mich eine Aussage in einem Podcast zum Thema „Beating stress and the hot offload“ mit Ashley Liebig in welchem ein Ausspruch von Cliff Reid zitiert wird….

„You have got the most powerful computer simulator on the planet in your brain. And it´s free!“ (C. Reid)

Soll bedeuten dass wir eigentlich ein völlig kostenloses, zu jeder Zeit verfügbares Simulationszentrum mit uns führen. Wir müssen es nur regelmäßig nutzen um uns dann das Entscheiden und Handeln in hektischen und schwierigen Situationen zu erleichtern. Probiert es einfach einmal aus – Kopfkino an.


(1) Lorello GR et al. Mental practice: a simple tool to enhance team-based trauma resuscitation. Can J Emerg Med 2015;10:1-7. PMID: 25860822

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