Der I.O.-Zugang – „old news“ und Diskussionen

Der I.O.-Zugang – „old news“ und Diskussionen

Der Weg des intraossären Zuganges ist ja nicht gerade eine Erfindung der letzten Jahre. Erstmals Erwähnung fand diese Art der Möglichkeit der Medikamentenverabreichung in den 20er Jahren bei Tierversuchen und schließlich Mitte der 30er Jahre bei Menschen. Lange Zeit wurde diese Art des Zuganges jedoch wieder verdrängt bis er in den letzten 10 – 15 Jahren Einzug in mehrere Leitlinien fand. Er stellt heute einen sicheren und schnellen Zugangsweg zur Medikamentenverabreichung dar.

Vor allem zwei Papers der letzten Monate haben direkten Einfluss auf den notfallmedizinischen Bereich; oder eben auch nicht.

Im November 2017 wurde eine AWMF S1 Leitlinie zum intraossären Zugang veröffentlicht. Die Indikationen können der Tabelle 1 dieses Dokumentes entnommen werden. Auch wird darauf hingewiesen dass in gewissen Situationen, vor allem im Bereich der Kindernotfälle, der IO-Zugang durchaus als Mittel der ersten Wahl in Betracht gezogen werden kann. Auch in dieser Leitlinie nochmals der Hinweis, dass nahezu jedes notfallmedizinisch relevante Medikament auch über einen IO-Zugang appliziert werden kann; und zwar in der gleichen Dosis wie IV. Einschränkungen bestehen bei hypertonen Lösungen sowie NaHCO3. Etwas verwunderlich für mich warum bei Erwachsenen der proximale Humerus nur als IO-Zugangsweg der 3. Wahl aufgeführt wird. Er ist sicher mit etwas mehr Trainingsaufwand verbunden und nicht mit allen verfügbaren Systemen zu stemmen, bietet jedoch den zentral gelegensten Zugangsort und wenn es um Volumen geht, nach dem Sternum auch die höchste Durchflussrate. Er wird außerdem von einem der Device Hersteller als bevorzugte Punktionsseite beim Erwachsenen für sein Gerät aufgeführt:

"For adult patients, the proximal humerus is recommended as a superior site for IO vascular access. Studies support the proximal humerus as a successful or even superior IO route for flow rates, drug delivery, and management of infusion pain." [1]

Auf jeden Fall sollte man sich die genannte Leitlinie einmal näher ansehen wenn man mit dieser Art von Zugang umgehen möchte.

Ein weiteres, bereits im August 2017 erschienenes Paper von Feinstein et al, befasst sich mit der Epinephringabe bei OHCA [2]. Es wird das neurologische Outcome bei IO vs. IV Gabe verglichen. Liest man nur die Überschrift oder die Conclusion, so entsteht der Eindruck sein Vorgehen umgehend ändern zu müssen und einen IO Zugang bei einer Reanimation im präklinischen Bereich soweit als möglich zu vermeiden da diese Patientengruppe in dieser Studie ein schlechteres neurologisches Outcome aufzeigten.

Allerdings gibt es in dieser Studie einige Limitationen. Unter anderem handelt es sich nicht um eine RCT und nur 5 % aller eingeschlossenen Patienten erhielten einen IO Zugang, die anderen 95 % einen IV Zugang. In der IV Gruppe überwogen außerdem die Anzahl der schockbaren Rhythmen, die Anzahl der Defibrillationsversuche sowie der Ersthelfer Reanimation und interventionellen Therapien gegenüber der IO Gruppe. Des weiteren ist nach wie vor fraglich inwieweit Epinephrin überhaupt einen Einfluss in diesem Bereich hat. Es dürfte sich also vermutlich allenfalls um Association als um Causation handeln. Im Falle einer Reanimation und eines dringend benötigten Zuganges würde ich auf jeden Fall spätestens nach der zweiten venösen Fehlpunktion auf den IO Zugang zurückgreifen. Letztendlich würde ich sagen, diese Arbeit sollte keinen Einfluss auf die derzeitige Praxis haben.


[1]  The Science & Fundamentals of Intraosseous Vascular Access. 2013 Vidacare Science & Clinical Department PDF Broschüre

[2] Intraosseous compared to intravenous drug resuscitation in out-of-hospital cardiac arrest. Feinstein, Bryan A. et al. Resuscitation , Volume 117 , 91 – 96

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