Geburtshilfliche Notfälle – Schulterdystokie

Geburtshilfliche Notfälle – Schulterdystokie

In der Regel ist die Geburt ein natürliches und ohne große Zwischenfälle ablaufendes Ereignis. Dies gilt auch für die nicht allzu häufige im Rettungsdienst zu vollziehende Entbindung. Kommt es jedoch zu Zwischenfällen, können diese eine akute Bedrohung für Mutter und Kind darstellen. Einen solchen Zwischenfall, nämlich die postpartale Blutung, habe ich bereits in selbigem Artikel dargestellt.

Ein weiterer und für das Kind binnen kürzester Zeit zum Tode führender Zwischenfall ist die die Schulterdydstokie. Hierbei kommt es meist durch ein Missverhältnis von Schultergürtel des Kindes und Becken der Mutter zu einem Verklemmen der Schulter an der mütterlichen Symphyse. Trotz der Seltenheit dieses Zwischenfalles, die Inzidenz liegt bei 0,6 bis 1,4 % (bei einem Geburtsgewicht von über 4000 Gramm bis zu 9 %) [1], sollte man sich hiermit befassen da sofortiges Handeln erforderlich ist.

Als Risikofaktoren können somit u. a. ein großer Fetus (> 4000 g), mütterliches Übergewicht sowie ein Diabetes der Mutter angesehen werden [2].

Auffällig wird eine Schulterdystokie erst im Geburtsverlauf. Der kindliche Kopf wird ersichtlich und mit der Presswehe weiter aus dem Geburtskanal gepresst. Nach Abflachen der Wehe zieht sich dieser evtl. wieder weiter in den Geburtskanal zurück. Aufgrund diesen Verhaltenes spricht man auch vom sog. „turtle sign“ (Schildkrötenzeichen).

Die Hauptgefahren für das Kind liegen in der Asphyxie durch die Kompression der Nabelschnur sowie einer Schädigung des Plexus Brachialis und Fraktur des Schlüsselbeines durch die einwirkenden Kräfte während der Wehen.

Das intuitive Verlangen der Geburt durch eine Druckunterstützung vom Fundus nach unten oder gar ein ziehen am Kopf des Kindes ist zwingend zu unterlassen!

Das folgende Video zeigt schematisch eine Schulterdystokie sowie auch die Gefahr der Verletzung des Plexus durch Manipulation am Kopf:

Ein sofortiges Eingreifen des rettungsdienstlichen Personals bzw. des Notarztes ist trotzdem zwingend erforderlich das ansonsten mit dem Tod des Kindes in kürzester Zeit gerechnet werden muss [3]. Hierzu stehen verschiedene Handgriffe zur Verfügung welche in Folge in Form von Schema-Videos erläutert werden.

Das McRoberts Manöver stellt den am wenigsten invasiven Eingrifft dar. Hierbei werden, am besten durch zwei Helfer, die Beine der Patientin im Knie angewinkelt und soweit als möglich Richtung mütterlicher Schulter bewegt. Hierdurch wird eine Weitung des Beckens und evtl. ein Lösen der kindlichen Schulter von der Symphyse bewirkt.

Beim Gaskin Manöver wird die Mutter in die „Vierfüßler“ Lage verbracht. Das heißt sie kniet durch die Ellenbogen gestützt am Boden. Auch hier kann evtl. alleine die Lageveränderung und evtl. auch der ein oder andere notwendige Handgriff zum Erfolg führen. Nochmals der Hinweis – nicht übermäßig am Kopf ziehen!

Beim Woods Manöver wird der Brustkorb bzw. die Schulter des Kindes getastet und mit der Wehe praktisch von der Symphyse frei gedreht. Hierzu muss selbstverständlich die Hand des Helfers in den Geburtskanal eingeführt werden.

Eine weitere Möglichkeit stellt das Rubins Manöver dar bei welchem ebenfalls die Hand des Helfers in den Geburtskanal eingeführt werden muss um eine Drehen zu vollziehen. Von außen wird suprapubisch diese Drehbewegung mit der zweiten Hand unterstützt.

Bleiben alle Maßnahmen erfolglos kann als ultima ratio eine absichtlich herbeigeführte Fraktur eines kindlichen Schlüsselbeines eines Verringerung des Schulterumfanges und somit eine Befreiung des Kindes herbeiführen. Gerade in diesem Falle muss immer mit einem Pneumothorax nach der Entbindung gerechnet werden.


[1]Schulterdystokie und Plexusparese – Klinik, Prävention, Gutachten und Dokumentation. Schwenzer Thomas, Bahm Jörg (Hrsg.); Kapitel 1.4 Springer Verlag 2016

[2]PeriFACTS Fall Nr.716 THEMA: SCHULTERDYSTOKIE. James R. Woods, Jr., M.D. Überarbeitung:  Univ. Prof. Dr. Christian Egarter

[3]Geburt im Rettungsdienst. Valter, M. & Mokwa, N. Notfall Rettungsmed (2018) 21: 100. https://doi.org/10.1007/s10049-018-0418-7

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