„Der Arzt sollte zum Patienten kommen…

„Der Arzt sollte zum Patienten kommen…

…und nicht der Patient zum Arzt.“ Dieser Satz von Prof. Martin Kirschner hat unser Rettungsdienstsystem bereits in der frühesten Entwicklung geprägt und dazu geführt, dass wir heute ein flächenmäßig sehr gut ausgebautes Notarztsystem als wichtigen Bestandteil des selbigen haben. Diese Entwicklung geht bis ins Jahr 1938 zurück. Und auch seit dieser Zeit wird wohl die Frage existieren ob dies notwendig ist. Gerade in den letzten Jahren hat diese Fragestellung an Intensität zugenommen.

In einem Editorial der Zeitschrift Notfallmedizin up2date [1] hat M. Bernhard und B.W. Böttiger im Jahre 2013 eine ganz gute Gegenfrage aufgebracht: „Wenn Sie kritisch krank wären, würden Sie dann nicht gerne von einem erfahrenen Arzt auch prähospital behandelt werden wollen?“ Ich würde diese um das Wort „notfallmedizinisch erfahrenen…“ erweitern und die Frage in den Raum stellen ab wann ein Patient als kritisch krank anzusehen ist.

Nur dann, sowie an der Aus- und vor allem auch Weiterbildung des nichtärztlichen wie auch ärztlichen Personals lässt sich die Frage der Überschrift des Editorials meiner Meinung nach beantworten.

Ich persönlich erachte einen Notarzt im Rettungsdienst per se nicht als Luxus sondern in vielen Fällen eine Notwendigkeit. Allerdings abhängig von den oben angeführten Ausführungen. Diese Ansicht ist der auch heute noch, im gesamten gesehen, zu flachen Ausbildung des med. Assistenzpersonals was die Praxis der invasiven Maßnahmen sowie vor allem der Physiologie und Pharmakologie angeht geschuldet. Auch die Bereitschaft einer hohen Anzahl aus dieser Personengruppe sich über die 30 h im Jahr hinweg fortzubilden, lässt nach meiner persönlichen Erfahrung oftmals zu wünschen übrig. Ich weiß, auch eine hohe Zahl von Ausnahmen sind hier vorhanden. Und diese werden mich für diese Zeilen wahrscheinlich teeren und federn.

Es ist jedoch bei allem Verständnis um mehr Befugnisse immens wichtig nicht nur zu wissen wann was zu tun ist sondern eben auch wie dieses etwas in unseren Körper eingreift und dort anrichtet. Denn Befugnis ist nicht mit Kompetenz gleichzusetzen! Solange diskutiert werden muss warum man zur Narkose bei Wiedererlangen des Bewusstseins während CPR schon mal Ketanest geben darf oder nicht bekannt ist an welchem Rezeptor Midazolam ansetzt und warum es eben den Krampfanfall durchbrechen kann oder warum es bei kritisch Kranken besser sein mag im Rahmen des cABCDE zuerst den Kreislauf in Schwung zu bringen bevor man eine RSI durchführt, sehe ich hier noch viel Lehrpotential.

Auf der anderen Seite, und dies darf auch nicht hinter dem Berg gehalten werden, ist es bei einem solchen System (…der Arzt kommt zum Patienten) immens wichtig dass eben auch dieser zum einen notfallmedizinisch erfahren und auf dem aktuellen Stand der notfallmedizinischen Wissenschaft ist. Soll heißen theoretisches Fachwissen wie auch Beherrschung aller notfallmedizinischen Skills muss zwingend vorhanden sein.

Ein sehr gut funktionierendes Rettungsdienstsystem unter notärztlicher Beteiligung ist in der Lage durch gut geschulte Notfallsanitäter und Rettungsassistenten auch kritisch und lebensbedrohlich Erkrankte oder Verletzte wie zum Beispiel den bewusstlosen, hypoglykämen Patienten ohne NA zu versorgen und bei weitreichenderen Erkrankungen oder Verletzungen (z. B. Polytrauma) den Patienten soweit zu versorgen und stabilisieren (evtl. auch durch invasive Maßnahmen) bis der NA eintrifft welcher dann aber auch einen weiteren Benefit für den Patienten gegenüber der rettungsdienstlichen Versorgung bieten muss.

Diese Kombination ist durchaus zielführend und auch in anderen Systemen, z. B. England, im aufkeimen. Selbst in den USA, wo der Arzt im Rettungsdienst eigentlich nicht vorhanden ist, gibt es einige arztbesetzte RTH´s und „rapid response cars“ um sich die Vorteile dieser Kombi zu Nutze zu machen. Ziel muss sein die klinische Therapie in einem gut funktionierendem Team zum Patienten zu bringen.

Um nach den etwas langen Ausführungen meiner Gedanken zu diesem Thema diese auch auf den Punkt zu bringen:

Liebe Notärzte…

  • schult euer Assistenzpersonal auf hohem Niveau
  • traut ihnen etwas zu; nicht jeder Notfallpatient braucht einen NA
  • haltet auch ihr euch up2date (Theorie und Praxis)

Liebe RA´s und Notfallsanitäter…

  • zeigt Eigeninitiative was das Weiterbilden angeht; Notfallmedizin bedeutet stetes und lebenslanges Lernen
  • seht den NA als Partner für euch und vor allem den Patienten
  • der gute und erfahrene Notfallsanitäter oder RA zeichnet sich durch gutes Fachwissen, Verständnis für Zusammenhänge und vor allem das Kennen seiner Grenzen aus

Erst wenn wir diese Gratwanderung auf beiden Ebenen auf die Reihe bekommen, haben wir meiner Meinung nach ein nahezu perfekt funktionierendes System welches auf Dauer effizient und finanzierbar ist und bleibt.

Mein Leitspruch zu dieser Frage ist schon immer….

„Schuster bleib bei deinen Leisten. Ein Notarztsystem per se macht in vielem Sinn und bringt Vorteile mit sich. Allerdings erwarte ich an der Einsatzstelle einen Notarzt und nicht einen Arzt in Not!“

…denn der Titel alleine (egal welcher) verhilft dem Patienten zum überleben.


[1]Michael Bernhard, Bernd W. Böttiger Notärzte in der Notfallmedizin: Luxus oder Notwendigkeit? Notf.med. up2date 2013; 8(1): 1-2 DOI: 10.1055/s-0032-1324963

 

2 Gedanken zu „„Der Arzt sollte zum Patienten kommen…

  1. Ich stimme zu und bedanke mich für den Artikel. Ich frage mich oft, woher gerade im Rettungsdienst diese unglaubliche Trägheit kommt, die die breite Masse an Mitarbeitern an den Tag legt.

    Präklinisch Notfallmedizin ist mein Traumberuf. Ich werde immer alles dafür geben, mein Team und mich selbst durch präzises Fachwissen, Simulation und kritisches Denken voran zu bringen. Ich bin jetzt 24 Jahre alt. Notfallsanitäter, Praxisanleiter, habe nahezu alle zertifizierten Kurse besucht, folge allen deutschen und englischen FOAM Blogs – und habe es als meine Pflicht erachtet, mich mit den großen Themen (PERT, Resuscitative Hysterotomy, TCA …. ) intensiv zu beschäftigen. Ich interpretiere täglich 10 EKGs und versuche noch besser in Pharmakologie zu werden. Mein nächstes Ziel ist es, meine Skills durch freiwillige Hospitationen u.A. in der pädiatrischen Anästhesie zu vertiefen.

    IST MEIN ZENIT ERREICHT?

    Sie, Herr Gollwitzer, sind schon lange im Rettungsdienst. Sie haben dieses o.g. Denken schon lange verfolgt und konnten in den letzten Jahren, besonders durch die FOAM Bewegung, dieses Denken auch online publizieren.

    Ich empfinde das als großartig – aber ich hoffe Sie können mir eine Frage beantworten.
    Wieso sind Sie weitestgehend der Einzige Ihrer „Generation“, die ihre Sache so ernst nimmt? Wieso treffe ich, egal in welchen Rettungsdienstbereichen ich arbeite, auf „old men sitting together“, die mir erzählen, dass sie dieses und jenes immer schon so gemacht hätten und dass man das ja früher auch nicht gemacht hätte.

    Mit meinem Engagement werde ich nur belächelt. Was in anderen Ländern als obgliates Selbstverständnis erscheint, ist in Deutschland der Wille, überhaupt nichts zu investieren und nur seine Zeit in einem sozialversicherungspflichtigen „Job“ abzusitzen.

    „Das macht der Arzt“ – diesen Satz kann ich nicht mehr akzeptieren – völlig unabhängig von der Kompetenz / Befugnis. Denn mit der Aussprache dieses Satzes geht einher, dass man gar kein Interesse hat, sich mit den Vorgängen, ob Physiologie, Pathophysiologie, Anatomie o.Ä., im menschlichen Körper zu beschäftigen, sondern dankbar ist, das „Denken“ anderen zu überlassen.

    Um diesem Gegenwind zu entfliehen, bleibt mir nichts übrig, als ein sechsjähriges Studium an einer medizinischen Universität aufzunehmen, Experte in Notfallmedizin zu werden und dann als Notarzt durch die Gegend zu fahren.

    Aber damit ist dem Rettungsdienst nicht geholfen… wenn alle positiven Abweicher der Gaus‘schen Kurve mit 24 denken, sie haben ihren Zenit erreicht und dann Medizin studieren gehen.

    Ich bin sauer auf die Urväter des Rettungsdienstes in Deutschland. Warum konnte das Ganze nicht in eine andere Bahn gelenkt werden? Warum konnte nicht seit Tag 1 Rettungsdienst anders gelebt werden? Warum haben wir in den 80ern noch kein ABC gemacht und die Leute literweise mit Ringer vollgepumpt. Warum hat sich seit der Jahrtausendwende der Rettungsdienst bis zum Notfallsanitäter nicht weiterentwickelt? Warum löst in weiten Teilen der Notfallsanitäter bei vielen nur eine kleine Veränderung mit kurzer Halbwertszeit aus, bevor sie wieder abfällig über „dieses ABCDE Schema“ lästern?

    Herr Gollwitzer, wir brauchen Lösungen, sonst wandern uns alle handverlesenen Auszubildenden, die seit ihrem ersten Tag auf hohem Niveau ausgebildet werden und kritisches Denken, CRM und prioritätenorientierte Versorgung leben, aus dem Rettungsdienst in die Arztschule…

    Sie sind Experte und kennen dieses System schon lange. Was sind Ihre Gedanken dazu?

    Gefällt 1 Person

    1. Erst einmal Danke für die vielen Zeilen und das Lob an den Artikel sowie mich als Verfasser.
      Und ich möchte gleich vorwegschicken, dass ich sicher nicht der einzige bin welcher in diese Richtung denkt und agiert. Es gibt inzwischen eine Vielzahl solcher; wenn auch meiner Meinung nach noch die Minderheit.

      Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig…. Einige der Hauptgründe dürften sein:
      Es ist ärztlich u. politisch gar nicht erwünscht und das seit Jahrzehnten. Daraus erschließt sich Punkt zwei; warum also mehr lehren und lernen als notwendig, es darf eh nicht abgerufen werden. Des weiteren ist durch die von Ihnen beschriebene Trägheit im System wie auch bei Mitarbeitern das Verständnis der Verantwortung für „meine Entscheidungen und Handlungen“ gegenüber meinem Patienten scheinbar noch nicht so ganz angekommen. Diese Verantwortung kann ich nur dann übernommen werden wenn ich auch den theoretischen und praktischen Background habe.

      Eine Lösung kann ich leider auch nicht bieten, außer an jeden einzelnen (Arzt, NotSan, Politiker) zu appellieren sich seiner eigenen wie auch dem System und vor allem Patienten gegenüber bestehenden Verantwortung bewusst zu werden und gemeinsam das Beste zu erreichen.

      Und doch, der Weg junger Kollegen welche gerade diese Entwicklung im heutigen RD selbst erfahren haben und dann Arzt werden ist meines Erachtens immens wichtig; für das System und den Patienten. Die daraus heranwachsenden Ärzte sind diejenigen welche die weitere Entwicklung beeinflussen und fördern können.

      Ich weiß dass dies ein langer und schwieriger Prozess ist. Ein über Jahrzehnte zur Trägheit und festen Abgrenzung erzogenes System lässt sich nicht von Heute auf Morgen umkrempeln.

      Und abschließend nochmals der deutliche Hinweis…. Nein, ich möchte das Notarztsystem nicht missen! Ich möchte ein patientenverträgliches, wirtschaftliches System welches flexibel und fachlich eine optimale Versorgung auch für die nächsten Jahrzehnte garantieren kann.

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