Amoklage, „active shooter“, Terror – gehen unsere Versorgungskonzepte auf?

Amoklage, „active shooter“, Terror – gehen unsere Versorgungskonzepte auf?

Paris, London, Nizza, München und andere Städte waren in vergangener Zeit aus unschönen Gründen in den Schlagzeilen. Terroristische Anschläge sowie Amoklauf waren die Hintergründe. Seit nunmehr längerer Zeit ist es, Gott sei Dank, etwas ruhiger geworden. Was aber nicht heißt dass diese Problematik vom Tisch ist und wir uns nicht mehr damit befassen müssen.

Immer wenn in unseren Landen um eine solche Schadenlage geht bzw. wenn wir über die Abarbeitung reden bekomme ich ein wenig Bauchschmerzen. Mir scheint als versuche man MANV Konzepte, welche für ganz andere Einsatzlagen konzipiert sind, auf solche Lagen umzulegen. Hierbei sehe ich einige Probleme….

  • sehr hohe Anzahl bedrohlich Verletzter
  • ballistische Verletzungen
  • grüne (sichere) Zone nicht klar definierbar

Das Ausmaß kann Größenordnungen annehmen welche die von uns „gewohnten“ und geübten MANV Situationen bei weitem überschreiten.

  • Paris 130 Tote / 683 Verletzte
  • Las Vegas 59 Tote / 458 Verletzte
  • Nizza 87 Tote / 434 Verletzte

Betrachtet man Lagen wie Paris 2015 oder den Amoklauf in München 2016 sind ein Paradebeispiel dafür, dass eine „grüne Zone“ nicht durch die Sicherheitskräfte sondern durch den / die Attentäter definiert wird und sich jederzeit ändern kann.

Karte_der_Terroranschläge_vom_13._November_2015_in_Paris
Maximilian Dörrbecker (Chumwa)Eigenes Werk, using OpenStreetMap data for the background based on information from the French Wikipedia article Attentats du 13 novembre 2015 en Île-de-France. CC BY-SA 2.0

 

Betrachtet man die oben gezeigte Karte und weiß dass die Terroristen sich frei bewegen konnten, wird klar warum eine „grüne Zone“ nicht festgemacht werden kann.

Das Einrichten von Verletztensammelplätzen ist aus o. g. Grund eine vielleicht nicht so gute Idee. Hinzu kommt dass gerade bei ballistischen Verletzungen, aber nicht nur bei diesen, die Zeit bis zur definitiven Versorgung einen maßgeblichen Einfluss auf die Mortalität haben.

Mike Clumpner, ein erfahrener Kollege aus den USA mit beruflichem Hintergrund im Rettungsdienst aber auch in der polizeilichen Arbeit hat hierzu auf der World Trauma Konferenz 2018 in Nashville, TN einen sehr guten Vortrag gehalten und explizit auf dieses Problem hingewiesen.

In solchen Situationen muss eventuell schon bei der ersten Sichtung, Triage umgedacht werden…

  • wer laufen kann wird vermutlich fliehen
  • alle anderen „….are red or dead“!
  • wichtigstes Hilfsmittel für den Erstangriff in der Triage ist das TQ

In welcher Relation die Zeit bei überlebbaren ballistischen Verletzungen aber auch Polytraumen eine Rolle spielt zeigt folgende Folien aus Mike Clumpners Präsentation.

Bildschirmfoto 2019-02-12 um 08.41.15

Bildschirmfoto 2019-02-12 um 09.13.49

Auch wir haben dies hierzulande schon begriffen, an der Umsetzung hapert es aber scheinbar noch ein wenig wie ich bereits in einem Tweet in Bezug auf zwei Berichte in einer Ausgabe der Notfall&Rettungsmedizin aufgezeigt habe.

Bildschirmfoto 2019-02-12 um 09.01.41

Auch wenn immer vor einer Verlagerung des Chaos in die Klinik gewarnt wird; es gibt Situationen in welchen sich dies nicht vermeiden lässt und meiner Ansicht nach auch im Sinne des Patienten notwenig und auch in der Klinik managebar ist; wie zum Beispiel ein Bericht aus Las Vegas zeigt. Voraussetzung ist, dass sich die Kliniken im Vorfeld damit beschäftigen und Bewältigungskonzepte erarbeiten und trainieren.

Hier noch einmal ein Beispiel dafür….

Bildschirmfoto 2019-02-12 um 09.16.45

Wie wichtig es ist schnell und lebend in die Klinik zu gelangen zeigen folgende Zahlen aus Mikes Vortrag….

  • Fort Hood shooting (2009) – If a patient was alive on arrival at the hospital, they lived through the event
  • Boston Marathon bombing (2014) – If a patient was alive on arrival at the hospital, they lived through the event (170 patients)
  • San Bernardino, CA (12/02/15) – Every victim that arrived alive at a hospital survived the event
  • Las Vegas Route 91 shooting (10/01/17) – “Every patient who arrived alive to Las Vegas hospitals lived through the event. Those who ‘died at the hospital’, were already dead on arrival.

Eine Kernaussage aus Mikes Vortrag lautet aus diesem Grund….

„Staging is no longer acceptable!“

Vielleicht ist es an der Zeit auch hierzulande in dieser Sache etwas umzudenken und Konzepte zu überarbeiten.

Bildschirmfoto 2019-02-12 um 09.28.31

 


Thanks a lot to Mike Clumpner, PhD, MBA, NRP for the permission to use pics of his slides for this blog post.

Ein Gedanke zu „Amoklage, „active shooter“, Terror – gehen unsere Versorgungskonzepte auf?

  1. Grundsätzlich so nur zu unterschreiben.

    Meiner Ansicht nach ist das Hauptproblem, dass deutsche (europäische?) Rettungssysteme bisher (im Vergleich mit anderen Nationen) nur wenige Berührungspunkte mit großen taktischen Lagen hatten. Dementsprechend gab es keinen ernsten Bedarf, es fehlt an Konzepten (gut, die kann man importieren), vor allem aber an Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten.
    Ein Wochenende auf z.B. einem TECC-Kurs mag ein Grundwissen vermitteln, aber sicher nicht die nötige Übung, um das Konzept praxistauglich umzusetzen.

    Und noch sind wir glücklicherweise in der Situation, dass die Einsatzpraxis keinen signifikanten Beitrag zu derartigen Fähigkeiten leisten kann…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s