Ist „immer alles“ wirklich richtig….?

Ist „immer alles“ wirklich richtig….?

Heute möchte ich versuchen, meine Gedanken zu dem was wir im Rettungsdienst und der Medizin im Notfall als Maßnahmen so alles ins Spiel bringen sowie deren vermutlichen Auswirkungen in einen Text zu verfassen. Dies fällt mir nicht leicht, da es sich allgemein um ein schwieriges Thema handelt und die Meinungen hier sicherlich weit auseinander gehen.

Der Stand der heutigen Notfallmedizin ermöglicht den Einsatz von verschiedensten Maßnahmen mit welchen ein Patient oftmals am Leben erhalten werden kann. Die Frage welche ich mir immer stelle ist, ist das was wir dem einzelnen Patienten zugute kommen lassen auch das was wirklich richtig für ihn ist? Um dies eindeutig festmachen zu können, müssten wir die persönliche Einstellung bzw. Gedanken jedes uns vorliegenden Patienten kennen. Dies ist jedoch nicht gegeben. Allerdings haben zum Beispiel Befragungen der Bevölkerung im Rahmen der PARAMEDIC-2 Studie ergeben, dass die Mehrzahl der Befragten das klare Ziel eines Überlebens mit gutem neurologischen Outcome favorisieren und ein schlechter CPC nach Reanimation nicht ihre Vorstellung des Überlebens ist.

Patientenverfügungen, die Aussagen von Angehörigen aber auch die eigene  Einschätzung der Situation können hilfreich sein für die Frage wie wir mit medizinischen Maßnahmen bei einem Patienten fortfahren eine Antwort zu finden.

Im Notfall gestaltet sich die Entscheidung über alles, nichts, palliativ, Beginn einer Reanimation oder deren Abbruch sicherlich extrem schwer. Leider werden aber meist schon in der Präklinik die Weichen gestellt in welche Fahrtrichtung der Zug für den Patienten geht. Eine präklinisch einmal eingeleitete Maximaltherapie fällt oftmals schwer durch ein rotes Signal einfach wieder zu stoppen.

Es scheint auch als sei dies ein Thema mit welchem wir uns in der Notfallmedizin schwer tun auseinanderzusetzen. Viele nehmen den „schwarzen Peter“ auf und geben ihn bei Klinikaufnahme aber gerne an den nächsten Kollegen / die nächste Kollegin weiter. Teilweise ist dies, gerade aus der Sicht der Unsicherheit vor forensischen Problemen, nachvollziehbar. Andererseits denke ich mir immer „würde ich unter diesen Voraussetzungen und erwarteten Bedingungen weiterleben wollen?“.

Es stellt sich mir immer die Frage nach dem Therapieziel. Wohin soll das was wir tun führen? Ist es ethisch richtig einen im Altenheim liegenden, dementen und unter Kontrakturen leidenden Patienten zu reanimieren? Macht es Sinn bei einem Patienten mit OHCA ohne begonnene Laienreanimation und Erstrhythmus Asystolie nach 10 Minuten Eintreffzeit eine Reanimation zu beginnen? Ich tue mir unheimlich schwer damit; ganz ehrlich. Und die Reanimation ist nur ein Paradebeispiel für solche in mir schwelenden Gewissensbisse welche ich nicht einmal selbst zu einer Entscheidung bringen darf und muss, da ich eben nun mal kein Arzt bin.

In einem Artikel im deutschen Ärzteblatt [1] wurde gerade eben die Reanimation unter dieser Fragestellung bzw. diesen Gesichtspunkten beleuchtet. Einige gute Ratschläge und Entscheidungshilfen sind hieraus zu entnehmen.

Wichtig ist in meinen Augen, auch in der Notfallmedizin soweit möglich den Wunsch des Patienten in Erfahrung zu bringen und zu akzeptieren. Ist dies nicht möglich, eventuell auch eine Entscheidung auf Grund des vermutlichen Patientenwillen in Zusammenhang mit einem einigermaßen realistischen Therapieziel umzusetzen.

Ich weiß, dass diese Thematik immer wieder zu hitzigen Diskussionen führt. Ich weiß aber auch, dass wir uns damit auch und gerade in der Notfallmedizin auseinandersetzen müssen.

Die Frage „ist immer alles“ wirklich richtig sollten wir uns viel häufiger stellen. Die Ausrede dass die Medizin und damit der Mediziner in erster Linie dazu da ist einen Patienten am Leben zu halten ist in meinen Augen ein wenig „einfach“ dahergebracht. Meiner Meinung nach ist die medizinische Aufgabe ein lebenswertes Leben sowie eine würdiges Sterben zu ermöglichen!

Wie weit die Auseinandersetzung mit dem Thema gehen kann und welche, in meinen Augen gute Konsequenzen ein Arzt auch ziehen kann, wenn er sich mit dem Thema auseinandersetzt und den Patientenwillen akzeptiert, zeigen die aufgebrachten Fälle der unterlassenen Rettung nach Suizid zweier Patienten welche in den letzten Tagen Schlagzeilen gemacht haben. Dies hat zwar nicht wirklich direkt etwas mit der präklinischen Notfallmedizin zu tun, zeigt aber in meinen Augen, dass es jemand verstanden hat, dass letztendlich der Patientenwille zählt. Auch die Judikative hat dies nun letztinstanzlich bestätigt [2].

Deshalb finde ich den Ausspruch von Dr. John Hinds „may your intentions always be honorable“ sehr treffend. Man kann, und muss in vielen Fällen sicherlich alles versuchen einen Patienten zu retten. Voraussetzung ist in meinen Augen jedoch die Aussicht auf ein lebenswertes Leben im Anschluss.


[1] Hinkelbein, Jochen; Adler, Christoph; Schmitz, Jan; Kerkhoff, Steffen; Böttiger, Bernd W. Kardiopulmonale Reanimation: Aussichtslose Situationen erkennen. Dtsch Arztebl 2019; 116(22): A-1112 / B-912 / C-900

[2] Bundesgerichtshof Mitteilung der Pressestelle: Freisprüche in zwei Fällen ärztlich assistierter Selbsttötung bestätigt. Urteile vom 3. Juli 2019 – 5 StR 132/18 und 5 StR 393/18

Ein Gedanke zu „Ist „immer alles“ wirklich richtig….?

  1. Ein sehr nachdenklicher Beitrag, vielen Dank dafür! Die Crux daran ist aber, dass es mir unmöglich scheint, „lebenswertes Leben“ für alle zu definieren. Auch ich mache immer öfter die Erfahrung, dass jemand um jeden Preis weiter leben möchte. Aber es gibt diese Menschen und auch ihre Sichtweise müssen wir akzeptieren. Deshalb halte ich die Frage nach einer Patientenverfügung oder den Wünschen eines Patienten direkt beim Eintreffen für unumgänglich. Auch, wenn es gelegentlich als unsensibel wahrgenommen wird.

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