Ein möglichst frühzeitiges Erkennen einer Sepsis sowie die darauf „so bald als möglich “ folgende Antibiotikagabe ist ein fester Bestandteil der aktuellen Sepsis Guidelines (1). Es stellt sich jedoch nach wie vor die Frage wie dieses „so bald als möglich“ zu definieren ist und ob eine präklinische Gabe von Antibiotika einen Nutzen bringen. Manche Arbeiten sprechen von einer Erhöhung der Mortalität von bis zu 7 % je Stunde Zeitverzögerung zur Antibiotikagabe. Die meisten Studien sind jedoch retrospektiv. Eine RCT für den präklinischen Bereich lag bisher nicht vor. Alam et al legten nun im November eine Arbeit vor welche genau diesen Bereich beleuchtet.
Prehospital antibiotics in the ambulance for sepsis: a multicentre, open label, randomized trial. Alam, NadiaAlam, N. et al. The Lancet Respiratory Medicine; online first
Es handelt sich hierbei um eine randomisiert, kontrollierte open-label Multicenterstudie an welcher 10 große regionale Rettungsdienste sowie 34 Schwerpunkt- und Maximalversorger Kliniken beteiligt waren. Insgesamt wurden 2672 Patienten (1535 in der Interventionsgruppe, 1137 in der Kontrollgruppe) einbezogen. Als Primäroutcome wurde die 28-Tage Sterblichkeit untersucht. Sekundäroutcomes waren
- Anzahl der Fehldiagnosen
- Gesamtmortalität während Klinikaufenthalt und 90 Tagen
- Länge Krankenhausaufenthalt
- Aufnahme auf ICU
- Länge des ICU Aufenthaltes
- Zeit bis zur Antibiotikagabe in der Notaufnahme (Kontrollgruppe)
- Zeitvorteil Antibiotikagabe vor Aufnahme in Klinik
- Zwischenfälle (Anaphylaxie u. Wiederaufnahme)
- Lebensqualität 1 Monat nach Entlassung
Das im Rettungsdienst eingesetzte Personal (in den Niederlanden Rettungsdienstpflegepersonal) wurde im Vorfeld besonders auf das Erkennen der Sepsis geschult. Die Standardtherapie (Kontrollgruppe) bestand aus Volumen und Sauerstoff, die Interventionsgruppe erhielt zusätzlich 2 Gramm Ceftriaxon.
Die Studie ergab keine signifikanten Unterschiede im Primäroutcome sowie in den Sekundäroutcomes; außer im Punkt Wiederaufnahmen, hier war die Anzahl in der Interventionsgruppe signifikant niedriger (jedoch eher association als causation). Eine Empfehlung zur grundsätzlichen Verabreichung von Antibiotika im präklinischen Arbeitsfeld bei Sepsisverdacht kann somit nicht gegeben werden.
Allerdings muss auch erwähnt werden dass die Zeit bis zur Antibiotikagabe in der Nothilfe (Kontrollgruppe) im Median bei 70 Minuten und somit im Vergleich zu anderen Arbeiten eher kurz war. Als Nebeneffekt der Schulung des Personal war zu erkennen dass sich zum einen der Anteil der im Nachhinein als korrekt diagnostizierten Patienten von 14 % auf 41 % (Vergleich Entlassungsdiagnose) erhöht hat und zum anderen die Medianzeit zur Antibiosegabe in der Klinik durch Sensibilisierung beider Seiten von 93 auf eben 70 Minuten reduziert wurde.
Für mich ergibt sich daraus der Schluss, dass eine präklinische Antibiose nach derzeitigem Wissenstand keinen Sinn macht. Wenige Ausnahmen wie z. B. der Verdacht auf eine Meningokokkensepsis mögen vorhanden sein. Aber diese Studie zeigt auch, dass eine vernünftige Schulung und Sensibilisierung des rettungsdienstlichen Personals einen Vorteil für den Patienten bis in den klinischen Ablauf erwirken kann und dies ein Hauptaugenmerk für unseren Arbeitsbereich sein muss.
(1) Rhodes A, Evans LE, Alhazzani W, et al. Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2016. Crit Care Med. 2017;45(3).
