Der Rettungsdienst krankt… Personalmangel II

Der Rettungsdienst krankt… Personalmangel II

Der Rettungsdienst krankt…! Dies ist ja nichts Neues und wurde bereits in zwei Posts auch in diesem Blog bereits thematisiert [1, 2]. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und liegen im Verantwortungsbereich nicht nur einer Person oder Institution. Allerdings führen diese Ursachen letztendlich zu einem Problem welches die Sicherstellung der Notfallrettung gefährden kann; dem Personalmangel. Bereits heute hat sich der Arbeitsmarkt in diesem Bereich in eine Richtung entwickelt welche äußerst bedenkich ist. Kopfgeldprämien sowie Abwerbeprämien sind keine Seltenheit mehr. Wir sind aber meiner Ansicht nach noch lange nicht am Ende des Tunnels angekommen und werden, wird sich nicht zeitnah etwas ändern, die Personalmangelsituation der Pflege noch übertrumpfen.

Wir bekommen viel zu langsam und viel zu wenige Notfallsanitäter auf den Markt; und nein das Gesetz ist nicht der Schuldige. Das bisher vorhandene Personal wird aus den oben angerissenen, vielfachen Ursachen immer unzufriedener und fluktuiert in andere Bereiche. Auch die Bezahlung und oftmals fehlende Wertschätzung trägt ihren Teil hierzu bei.

Schaut man sich im Rest der Welt ein wenig um, so stellt man fest dass auch andere Rettungsdienste immer wieder auf Personalsuche sind. In diesem Zuge ist mir ein Werbevideo des Rettungsdienstes Medic One King County ins Auge gesprungen. Es handelt sich hierbei um einen der qualitativ führendsten Rettungsdienste in den USA. Und bevor bereits jetzt die Kritiker kommen und sagen „ja das ist ja nicht vergleichbar, es handelt sich ja um ein ganz anderes System und Notärzte gibt es dort auch nicht“, mit all dem hat dies absolut gar nichts zu tun. Sieht man sich das Video einmal an und hört auf die Aussagen der Organisatoren dieses Systems sowie deren Mitarbeiter, wird verständlich warum der nationale Durchschnitt der Dauer der Mitarbeiterzugehörigkeit bis zur Fluktuation von sieben Jahre hier bei über 25 Jahren liegt.

Um es zusammenzufassen; für eine Fläche von 1618 Quadratkilometer werden 8 ALS RTWs und ein Personalstamm von ca. 60 Personen benötigt um die Notfallrettung aufrecht zu erhalten. Das Personal hat eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeitsdauer von mehr als 25 Jahren.

Dies funktioniert aus verschiedensten Gründen ausgesprochen gut:

Gute Ausbildung und Einarbeitung – neben 10 Monaten klinischer Skillvertiefung wird eine 1-jährige Einarbeitung vollzogen. Dies muss auch hierzulande Einzug finden. Vielleicht nicht in dieser Länge aber eine gänzlich unterlassene Einarbeitung oder der Abbruch von Einarbeitungen um den Mitarbeiter zum Füllen der Dienstplanlücken abzuziehen ist keine Lösung.

Weiterentwicklung der Mitarbeiter – stete Fortbildung um sich auf dem aktuellen Stand der Notfallmedizin zu halten. Das Besuchen von allen „Buchstabenkursen“ ist selbstverständlich. Dies führt zum einen zu einer anhaltend hohen Qualität und zum anderen ist eine ständige Unterstützung der Fort- und Weiterbildung auch eine Art der Mitarbeiterschätzung welche wiederum Zufriedenheit und anhaltende Betriebszugehörigkeit fördert.

Einsatz der Mitarbeiter für das für was sie ausgebildet wurden – Notfälle! Ein NA ist nicht für die Hypoglykämie zu Mißbrauchen, ein ITW nicht für einen fraglich notwendig arztbegleiteten Krankentransport und ein Notfallrettungsmittel nicht für ein Kopfplatzwündchen. Dies Spart hochwertige Ressourcen der Notfallrettung und verhindert das Auslaugen sowie die Demotivation der Mitarbeiter. Eine Vielzahl der heute bei uns durchgeführten RTW Einsätze kann durch den Krankentransport erledigt werden. Folge wäre eine zahlenmäßig verminderte Notwendigkeit von Notfallrettungsmitteln und damit verbunden auch Notfallsanitätern welche wiederum durch eine höhere Anzahl von wirklichen Notfällen mehr Routine bekommen würden. Gleiches gilt natürlich auch für den Notarztdienst.

Gute Bezahlung – eine medizinische Fachkraft mit Verantwortung und Erfahrung kann man nicht mit einem Gehalt abspeisen welches im großstädtischen Bereich gerade zum Überleben reicht. Auch Bereitschaftszeiten, gerade an der Schneide des Bundesurlaubsgesetzes orientierte Urlaubstage und einiges mehr zeugt nicht gerade von Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern und dem Interesse diese bei der Stange halten zu wollen.

Supervisor oder andere Innendienste – sind für ein medizinisches und organisatorisches Qualitätsmanagement und eine Qualitätsverbesserung zwingend erforderlich und bieten die Möglichkeit bei altersbedingten Beschwerden aus dem anstrengenden Geschäft der „Rettung“ auszusteigen und die Rente zu erleben. Eine Tätigkeit im täglichen Rettungsdienstgeschäft bis zum Rentenalter von derzeit 67 Jahren ist einfach ein utopischer Wunschgedanke und eigentlich nicht machbar. Feuerwehr und Polizei haben dies seit langem erkannt und umgesetzt; hier ist der Rückhalt auch für die rettungsdienstliche Berufsgruppe gefordert.

Alles in allem kann man sagen, die Kollegen in King County haben vieles seit langem erkannt und richtig gemacht. Dies kostet einiges an Geld werden nun viele sagen, richtig. Unser derzeitiges Rettungsdienstsystem an die Wand zu fahren und dann erst zu denken zu beginnen wird allerdings um ein Vielfaches teurer. Und keiner sage mir nun das Geld alleine wäre das Problem. Bei Rücklagen der Krankenkassen im zweistelligen Milliardenbereich und einem derzeitig zwischen ein und zwei prozentigen Kostenanteil für den Rettungsdienst im Gesamtgesundheitssystem klingt dies wie ein Hohn auf die Mitarbeiter und Durchführenden.

Es ist an der Zeit dass Politik, Kostenträger, ärztlich Verantwortliche sowie Durchführende aufwachen und versuchen das Ruder in die richtige Richtung zu drehen. Die Uhr tickt gegen das bestehende System und der Zeiger ist bereits weiter als auf der 5 vor 12 Marke. Wollen wir also ein wie bisher gesetzlich verankertes funktionierendes Notfallrettungssystem weiter am Leben erhalten sollten alle Verantwortlichen zusammen schnellstens handeln. Ansonsten wird es neben den bisher bereits bestehenden Ausfällen an Notartzstandorten auch zu erheblichen Abmeldungen von RTW´s und früher oder später zu einer nicht mehr zu gewährleistenden Sicherstellung der Notfallrettung kommen. Und eine Abmeldung eines RTW´s oder NEF hat eine ganz andere Tragweite wie die Abmeldung eines Intensivbettes wegen Pflegemangel.


[1] Der Rettungsdient krankt!

[2] Der Rettungsdienst krankt… Personalmangel

5 Gedanken zu „Der Rettungsdienst krankt… Personalmangel II

  1. Ich habe mir nicht alles durchgelesen aber ich wurde schon müde bei der Aussage, dass das NFS Gesetz nicht daran schuld sei *würg*. Nein nicht ganz, aber hat das ganze verschärft.
    Jetzt mal ehrlich Leute, war diese Novellierung wirklich ein Schritt in die Zukunft oder hat man einfach versucht, den RA als 3 jährige Ausbildung hinzudrehen als „bezahlter Ausbildungsberuf“. Man wird gesetzlich verpflichtet zu handeln aber spätestens Seiten des Ärztlichen Leiters daran gehindert (Thema Freigabe Medikamente). Dann wurde das Gesetz vom nichts aus dem Boden gestampft ohne sich erstmal Gedanken zu machen wie das ganze Aussehen soll, geschweige denn wie die Ausbildung aussieht. Die deutschen wollten einfach das Rad neu erfinden und das bei bereits bestehenden und bewährten Systemen, die vor allem über die Grenzen hinaus anerkannt und bewährt sind (inkl. Curriculum etc.) hätte es nur auf die Bürokraten-Ärzteschaft anpassen müssen, als Beispiel:
    – Paramedicsystem (für die Sesselpupser-Ärzte: natürlich Notarzt gestützt)
    oder es gibt auch ein System welch von einer deutschen Schule angeboten wird:
    – European Paramedic
    Lassen wir mal weg das vll. einige diese Schule aufstößt, ist aber ein durchdachtes System, sehr gut und in Europa anerkannt.
    Hinzu kommt dann noch, dass die eine oder andere Hilfsorganisation noch immer glaubt, den Rettungsdienst kann man noch durch das Ehrenamt und FSJ aufrechterhalten und bezahlt es demnach nur.
    Deutschland soll einfach mal aufwachen!
    RD in öffentliche (staatlich/kommunal) Hand, Trennung zwischen RD und qualifizierter/unqualifizierter Krankentransport und vor allem Leistungsgerecht bezahlen… mir fallen noch 100 Dinge ein aber ich denke jetzt habe ich mir genug erst einmal von der Seele geschrieben..

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    1. Manuel,
      keiner der aufgeführten Gründe steht in direktem Zusammenhang mit dem NotSanG. Hier wurde auch nicht versucht etwas neu zu erfinden; es wurde allerdings etwas falsch verbessert. Die rechtlichen Rahmenbedingungen um das NotSanG herum würden außer Acht gelassen. Vergibt man allerdings bis zu 2,5 nach Inkrafttreten bis zur ersten Ergänzungsprüfung so ist nicht das Gesetz sondern deren Ausführer schuld. Es fehlt auch nicht nur auf der NotSan Seite sondern grundsätzlich Personal. Lesen bis zum Ende würde übrigens evtl. auch einen Würgereiz verhindern.
      Auch finde ich es kontraproduktiv die Ärzteschaft pauschal als Sesselpupser zu bezeichnen; hier gibt es (wie bei uns auch) solche und solche. Gerade aber solche Verpauschalisierungen macht es uns so unglaublich „leicht“ diesem Stand darzulegen dass auch das nichtärztliche Personal unter vernünftigen Voraussetzungen zu weitaus mehr in der Lage ist.

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      1. Auf keinen Fall Kritik am Bericht, eher Kritik am System. Leider ist es aber Fakt, dass es immer an den Sesselpupsern scheitert (haben doch auch beim Entwurf gejammert ohne Ende), sei es Ärztekammern oder andere Vertretungen . Es intressiert nicht die Verbesserung der Notfallmedizin sondern dass ein „nicht“ Akademiker in einem Bereich tätig wird wofür andere ein Studium haben. Außerdem die Angst das evtl. NEF Standorte wegen jemand geschlossen wird, der es „besser drauf hat“ als manch Akademiker geht ja mal gar nicht ;-).
        Und solange hier das Egoisten denken nicht verschwindet und es ein gemeinsames professionelles Zusammenarbeiten gibt, wird sich auch nichts daran änden.. hier gibt es im übrigen auch beispielhafte Systeme gerade zum Thema Medikamentenfreigabe. Zumindest solange der Lohn nicht steigt, sollten die Kompetenzen auch nicht steigen—> mehr Verantwortung—> mehr Geld

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      2. Manuel…
        selbst wenn ich es als solche sehe bin ich nicht böse. Kritik steht jedem zu und gehört auch dazu. Ich denke nur man sollte sachlich bleiben und keine Pauschalverurteilungen vornehmen. Jedem steht frei seine eigene Meinung hier Kund zu tun.

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