Der Rettungsdienst krankt… Personalmangel

Der Rettungsdienst krankt… Personalmangel

Der Rettungsdienst in diesem Lande krankt! Dies war in dem gleichnamigen Post auf dieser Blogseite ja erst kürzlich Thema. Die Hintergründe und Ursachen welche zu diesem Zustand führen sind mannigfaltiger Art. Auch die Auswirkungen machen sich an verschiedensten Stellen bemerkbar. Ein wesentlicher Punkt ist der bereits vorherrschende und immer weiter fortschreitende Personalmangel. Fast täglich überschlagen sich die Meldungen in der Presse und Fachpresse. Auch wenn es einzelne Würdenträger noch nicht wahrhaben wollen; wir laufen in den selben Notstand wie der Pflegebereich. Nur, vereinzelte Betten abzumelden ist das eine, Fahrzeuge stillzulegen noch einmal ganz etwas anderes.

Hierfür wird von vielen die Einführung und Umsetzung des NotSanG verantwortlich gemacht. Ja, dies ist unter Umständen hier und da sicherlich eine Komponente welche zu Engpässen bzgl. der Personalstärke führt. Allerdings, und das muss ganz klar gesagt werden, es ist sicherlich nicht die einzige Ursache und vor allem hätte man dieser rechtzeitig begegnen können. Sie war für  jeden, zumindest für diejenigen welche sich mit dieser Komponente frühzeitig und ernsthaft befasst haben, absehbar!

Eine weitaus größere Ursache ist meines Erachtens das fehlende Wohlfühlen der Arbeitnehmer sowie die fehlende Wertschätzung der selbigen durch die Arbeitgeber sowie die Bevölkerung.

Aber was beinhaltet diese Wertschätzung eigentlich? Der wohl wichtigste Punkt dürfte sein dass der Arbeitgeber erkennt dass die Arbeitnehmer welche die Fahrzeuge besetzen und letztendlich seine „Kunden“ betreuen das höchste Gut der Firma sind. Sie sind das Aushängeschild! Dementsprechend sollte das Personal angeworben, behandelt, weiterentwickelt und gehalten werden. Hierzu gibt es verschiedenste Möglichkeiten welche auch genutzt werden sollten.

„Success in business is all about people, people, people. Whatever industry a company is in, it´s employees are it´s biggest competitive advantage!“ -R. Branson- 

  • Bezahlung

Ein wichtiger, aber nicht der immer der ausschlaggebende Punkt.  Ein Leben sowie der Unterhalt einer Familie auch im großstädtischen Bereich muss sichergestellt sein. Wir bewegen uns hier nicht im Bereich eines Hilfsarbeiters sondern einer Fachkraft mit einer höchst verantwortungsvollen Aufgabe.

  • Befristung

Die Befristung eines Arbeitsvertrages macht dann Sinn, wenn die Stelle als Vertretung für eine gewisse Zeit vorgesehen und als solche ausgeschrieben ist (z. B. Vertretung in der Erziehungszeit). Ansonsten sollten solche Einschränkungen in Arbeitsverträgen der Vergangenheit angehören. Klar muss man warm werden und seinen neuen Arbeitnehmer auch einschätzen können. Hierfür dient die Probezeit! Wer es bis dahin nicht schafft sich von der Güte seines Arbeitnehmers überzeugen zu können, wird es auch in ein paar weiteren Monaten nicht auf die Reihe bekommen.

  • Familienfreundlichkeit

Hierunter fallen alle Maßnahmen welche Freizeit und vor allem sichere Freizeitplanung für den Arbeitnehmer sicherstellen. Ein vernünftiger Rahmendienstplan mit ausreichend Freizeit zwischen den Schichtblöcken um eine ausreichende Erholungsphase zu gewährleisten. Der Rahmendienstplan sollte weitestgehend, bis auf wenige Notfall bedingte Ausnahmen, verbindlich sein. Nur so ist Freizeitplanung möglich. Und nur wenn eine gute familiäre Umgebung ermöglicht wird, kann der Arbeitnehmer unbelastet und motiviert seine Arbeit erbringen.

  • Arbeitszeiten

Hier sollte der Arbeitgeber auf Spielchen wie Ausweitungen auf bis zu 48 Stunden pro Woche durch in meiner Augen sehr rechtsunsichere Spielchen wie Faktorisierung (z. B. nur die Hälfte der Bereitschaftszeit wird als Arbeitszeit angerechnet) verzichten. Auch die hierzu animierenden Zeilen in manchen Tarifverträgen macht dies nicht besser denn kein Tarifvertrag steht über dem Gesetz. Und das Urteil des EuGH vom 03. Oktober 2000 ist relativ eindeutig – „vertragsgemäße Anwesenheit in den Räumlichkeiten des Arbeitgebers, verbunden mit der Pflicht, bei Bedarf jederzeit berufliche Tätigkeit aufzunehmen, bleibt in vollem Umfang Arbeitszeit.“  (1, 2). Nimmt man dieses Urteil beim Wort, bedeutet dies, Bereitschaftszeit kann zwar finanziell mit einem geringerem Satz per Stunde abgegolten werden; ist aber grundsätzlich im Ganzen der Gesamtsumme der erbrachten Arbeitszeit anzurechnen.

Ausschreibung
Es beginnt bereits bei der Personalakquise!  Zwei völlig unterschiedliche Stellenausschreibungen zweier Arbeitgeber (anonymisiert M. Duschl). Ich wüsste wo ich mich bewerben würde,
Die oben genannten Punkte stellen eigentlich eine Grundvoraussetzung der Wertschätzung eines Mitarbeiters dar. In meinen Augen noch weitaus wichtiger sind die Punkte welche direkten Einfluss auf die Personalentwicklung und Personalbindung nehmen.

  • Beteiligung an der Weiterentwicklung des Arbeitsplatzes

Beteiligen Sie als Arbeitgeber Ihre Mitarbeiter an der Weiterentwicklung und Verbesserung ihrer Arbeitsumgebung. Die Arbeitnehmer sind diejenigen welche täglich damit umgehen müssen. Dies betrifft die räumliche Umgebung wie auch die Fahrzeuge und das Material. Die Methode der zentralen Beschaffung ohne Beteiligung derer welche täglich damit arbeiten (nimm, friss oder stirb) führt zwar eventuell zu finanziellen Einsparungen bei der Anschaffung welche aber durch Fluktuation und Kosten der wiederkehrenden Einarbeitung zunichte gemacht werden.

  • Weiterentwicklung durch Fortbildung

Bieten Sie Ihren Mitarbeitern die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. Fortbildungen zu interessanten, aktuellen Themen der Notfallmedizin nutzen Ihren Mitarbeitern sowie Ihnen als Arbeitgeber um einen Rettungsdienst ermöglichen zu können welcher „up to date“ ist und letztendlich Ihren Kunden, den Patienten. Und darum sollte es ja gehen! Auch eine Weiterentwicklung in die Verwaltungsbereiche und Führungsdienst sollte ins Auge gefasst werden. Ein Arbeiten bis 67 auf den Rettungsmitteln ist schlicht und ergreifend ein utopischer Wunschgedanke und führt zur massiven Kostenexplosion durch Krankheitsausfälle.

  • Kompetenzförderung

Fördern und unterstützen Sie die erworbenen Kompetenzen Ihrer Mitarbeiter. Nur wenn sie diese regelhaft und ohne schlechtes Gewissen anwenden können bleiben sie erhalten. Mit der Unterstützung eines Arbeitgebers können sie erhalten und ausbauen. Nichts ist für einen Mitarbeiter frustrierender als sein mühsam erworbenes Wissen nicht zu Gunsten eines ihm anvertrauten Patienten anwenden zu dürfen.

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Selbst dem ein oder anderen Kostenträger ist es aufgefallen dass erworbene Kompetenzen (welche ja auch Geld gekostet haben) nur dann Sinn machen wenn sie auch eingesetzt werden (3). Bleibt zu hoffen dass sie sich auch daran erinnern wenn es um Kostenverhandlungen geht.

Kosten, ein wesentlicher Faktor dieser ganzen Gleichung, wird auch durch die Arbeitgeber immer wieder als ausschlaggebendes Totschlagargument ins Rennen geschickt wenn es um die oben aufgeführten Punkte geht. Hier sei nur nochmals daran erinnert dass Unzufriedenheit zu Ausfällen und Fluktuation führt deren Kosten im Voraus gar nicht kalkuliert werden können. Eine etwas höhere Investition an den richtigen Punkten kann dies eindämmen. Und letztendlich müssen die Durchführenden endlich aufwachen und bei Kostenverhandlungen mit den Kostenträgern endlich „etwas Arsch in der Hose zeigen“ und nicht nur als Bittsteller auftreten.

Entweder wir bekommen diese System zeitnah in den Griff oder wir werden es zum Leid von allen Beteiligten an die Wand fahren. Die Kosten welche hieraus entstehen, werden  die einer vorausschauenden, fürsorglichen Planung bei weitem übersteigen.

Um es mit einem weiteren Zitat von R. Branson abschließend zusammenzufassen:

„Train your people well enough so they can leave, treat them well enough so they don´t want to.“


(1) Böser Zauber: Faktorisierung (aus: Arbeitsrecht & Kirche)

(2) http://www.recht-im-rettungsdienst.de/de/nach_dem_einsatz/arbeitsrechtliche_besonderheiten/bereitschaftszeit_ist_arbeitszeit/

(3) AOK und DRK fordern mehr Kompetenzen für den Rettungsdienst. Fachzeitschrift RETTUNGSDIENST 18.08.2017

2 Gedanken zu „Der Rettungsdienst krankt… Personalmangel

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