Funktionieren unter Stress

Funktionieren unter Stress

Der Standardeinsatz oder einfache Maßnahmen stellen uns im Rettungsdienst für gewöhnlich vor nicht allzu große Probleme diese zu meistern. Problematisch wird es wenn wir in stressigen Situationen handeln oder auch bei „einfachen“ Einsätzen sonst selten durchgeführte Maßnahmen anwenden sollen. Sicher habt ihr dann auch schon einmal bemerkt, dass die Feinmotorik sowie euer gesamtes Handeln nicht gerade besser wird. Meist kommt es aber gerade in solchen Situationen darauf an, dass ihr und eure Performance funktioniert.

Stress kann sich ja bis zu einem gewissen Grad positiv auf die Performance auswirken (Eustress). Ab einem gewissen Stresslevel jedoch sind wir nicht mehr in der Lage gewissenhaft und gezielt zu performen. Wir werden kognitiv wie auch feinmotorischen überfordert. Aber auch zu viel Sicherheitsgefühl und Gedanken wie „ist ja nur ein Standardeinsatz“ führen zu Unachtsamkeit; wir sind gelangweilt. Geschieht dies im Rahmen der Abarbeitung eines Notfalleinsatzes so kann sich jeder vorstellen, dass dies nicht gerade dem besseren Ablauf und somit Outcome dienlich ist. Wir sollten also versuchen den Bereich zwischen Langeweile und Distress, also den Bereich in welchem wir am besten performen, so breit wie möglich zu halten. In diesem Rahmen haben wir auch die höchste, nutzbare Aufmerksamkeit.

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Verlauf Leistung von Langeweile bis Distress (Original Grafik by Ginger Locke)

Um dies zu erreichen, also den Bereich des Top-Acting so breit wie möglich zu halten, stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Vieles ist aus dem militärischen Bereich abgeschaut. Hier obliegen gerade die Kollegen verschiedener Spezialeinsatzkräfte genau den selben Herausforderungen.

Eine erste Maßnahme ist das vernünftige Training von Skills. Sie sollten soweit im Gedächtnis verankert sein, dass eigentlich gar keine großen Denkprozesse mehr notwendig sind um sie auszuführen; sie laufen automatisch ab und wir haben Raum und Zeit im Gehirn für wichtigere Entscheidungsprozesse. Dies kann erreicht werden durch ein sogenanntes „over-learning“.  Der Ablauf eines Skills wird ins Gehirn programmiert und gespeichert wie bei einem Computer.

Over-learning

  • Schritt für Schritt Erklärung des Ablaufes in schriftlicher Form (jeder!!! Einzelschritt wird aufgeführt!)
  • Trockentraining im Lehrsaal bis zur perfekten Beherrschung
  • Training unter gesteigertem Stress (z. B. Simulationstraining bei Nässe, Kälte, Dunkelheit, mit störenden Angehörigen usw.)

Wichtig bei diesem Vorgehen ist jedoch darauf zu achten dass der Durchführungsablauf gemäß der Realität draußen „programmiert“ werden muss. Es kann sonst dazu kommen, dass eben z. B. die i.o. Nadel im Einsatz nicht in den Abwurfbehälter geworfen wird; haben wir im Lehrsaal ja auch nicht gemacht weil wir sie wieder verwendet haben.

Ein guter Podcast zum Thema over-learning wurde von Ginger Locke (Twitter: @gingerlockeATX) im Rahmen ihres MedicMindset Blogs veröffentlicht.

Damit wäre der Grundstock zur sicheren und guten Performance gelegt. Ein stetes „mental rehearsal“, also der gedankliche Ablauf einer Skill Ausführung z. B. als gedachten Film bei geschlossenen Augen hilft bei der weiteren Sicherung des Gelernten.

Aber selbst wenn wir alles richtig programmiert haben und wir uns der notwendigen Schritte der Durchführung sicher sind, kann uns unser Körper bei zu viel Stress einen Strich durch die Rechnung machen was die tatsächliche Performance angeht. Um auch hier nicht dem kompletten Verlust der Feinmotorik oder gar den Panik zu verfallen gibt es auch ein par Tricks.

Mentale Einstellung / Selbstgespräch

Wir sollten uns selbst überzeugen dass wir das was wir durchführen wollen auch können und schaffen. Am besten gelingt dies mit einem Selbstgespräch in Gedanken zu uns selbst oder auch verbalisiert wenn wir ein ganzes Team positiv beeinflussen wollen. Also wenn wir das nächste mal bei einem 2-jährigem Kind einen i.v. Zugang legen wollen oder gar bei einem Patienten eine Koniotomie durchführen müssen ruhig mal zu sich selbst sagen „Ja, ich schaffe das“. Ein Leistungssportler macht dies auch nicht anders.

Tactical Breathing

Eine weitere Hilfe ist die sogenannte taktische Atmung. Vier Sekunden einatmen, vier Sekunden Luft anhalten, vier Sekunden Luft ausatmen, vier Sekunden Luft anhalten. Dies hilft den eigenen Puls etwas herunter zu fahren und ihr werdet sehen das Fingerzittern lässt nach.

Mental Rehearsal

Den Ablauf der Prozedur nochmals kurz in Gedanken im Film vorbeiziehen zu lassen kann ebenfalls selbst im tatsächlichen Einsatz kurz vor dem Eingriff hilfreich sein.

Reset – Abwechslung von Anspannung / Konzentration mit Entspannung

Nutze den Zeitraum der Druchführung weniger aufwendiger Maßnahmen wie z. B. das Herrichten und Aufhängen einer Infusion dein Gehirn zurückzusetzen; also zu entspannen um dann wieder Raum für aufwendigere Maßnahmen zur Verfügung zu haben; wie z. B. das Berechnen einer Medikamentendosierung. Ein guter Tip von Michael Lauria!

Einen ausführlichen Artikel [1] zu diesem Thema hat Michael (Twitter: @ResusPadawan) auch veröffentlicht. Als ehemaliger Air Force Pararescue (PJ) kennt er die militärische wie auch medizinische Seite. Einen Vortrag von Michael in dieser Sache könnt ihr auf YouTube abrufen. Seine Internetseite michaellauria.com ist ebenfalls wärmstens empfohlen.


[1] Lauria MJ, Gallo IA, Rush S, Brooks J, Spiegel R, Weingart SD. Psychological Skills to Improve Emergency Care Providers’ Performance Under Stress. Ann Emerg Med. 2017; 70(6): 884-890.

2 Gedanken zu „Funktionieren unter Stress

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